Der Traum im Apfelbaum

In einem Garten stand ein alter Apfelbaum, der kaum noch Früchte trug, und die wenigen, die er hervorbrachte, machte niemand sich die Mühe abzuernten. Nur die Vögel pickten daran, und irgendwann fielen die Äpfel ins Gras und verfaulten.
Zwischen den Ästen dieses Baumes saß eines Tages ein Traum. Er wusste nicht, wie er dorthin gelangt war, noch wie lange er dort schon saß, ob er in der vergangenen Nacht jemanden besucht hatte, und wenn es so war, womit sie sich die Zeit vertrieben hatten. Träume haben ein sehr schlechtes Kurzzeitgedächtnis, weshalb sie sich auch nie für etwas verantwortlich fühlen. Das beschert den Träumen ein relativ sorgenfreies Leben. Die meisten von ihnen schlafen deshalb tagsüber den Schlaf der Gerechten. Dieser Traum aber konnte nicht schlafen. Gerne hätte er es zum Tagtraum gebracht, eine durchaus begehrenswerte Stellung für einen Traum, und deshalb schwer zu erreichen. Andererseits, was würde er dann in der Nacht anfangen?
„Schläfst du?“ fragte er den alten Apfelbaum, der so still in der reglosen Luft des Spätsommertages stand. Der Baum antwortete nicht.

Wenn Einer Einen fragt, ob er schläft, und keine Antwort bekommt, so ist das nach Menschenermessen ein Zeichen dafür, dass der Gefragte schläft. Mit Träumen verhält es sich anders. Einem Traum antwortet der Schläfer, und je nachdem, ob er dabei lächelt oder die Stirn runzelt, seufzt oder sich knurrend auf die Seite dreht, nimmt der Traum ihn in seine Arme und trägt ihn an schöne oder seltsame, manchmal auch an schreckliche Orte, lässt ihn schweben oder legt sich schwer auf seine Brust.

Gelangweilt baumelte der Traum mit den Beinen. Dann entdeckte er einen Brunnen, sprang mit einem Satz auf den Boden und schlenderte hinüber. Er beugte sich über den dunklen Wasserspiegel, doch wie er es erwartet hatte, sah er nur den Himmel und ein paar kleine Wolken, die sehr langsam darüber hin segelten.
Wenn ich nur wüsste, wie ich aussehe, dachte der Traum.
Da gewahrte er das auf dem Kopf stehende Spiegelbild einer alten Frau. Sie war an den Brunnen getreten, um eine Gießkanne mit Wasser zu füllen.
„Wie sehe ich aus?“ fragte der Traum und erschrak, als die Frau ihm antwortete, denn er hatte nicht ernsthaft damit gerechnet, dass sie ihn überhaupt bemerken würde. „Wie du aussiehst?“ fragte sie mürrisch. „Wie ein junger, kräftiger Mensch, dem es anstünde, mir die schwere Gießkanne zu tragen.“ Und noch bevor der Traum erklären konnte, dass Träume eben Träume sind, zwar das Gemüt eines Menschen bewegen, aber nicht einmal einen Fingerhut voll Wasser heben könnten, wandte sie sich mit der gefüllten Gießkanne schon ab und entfernte sich mit schlurfenden Schritten. Keine Tagträumerin, wie der Traum feststellen musste. Aber immerhin hatte sie ihn sehen können. Ein junger, kräftiger Mensch. Das war doch schon was. Das gefiel dem Traum. Er setzte sich auf den Brunnenrand und wartete. Vielleicht würde ja noch jemand kommen.

Es dauerte nicht lange, das sprang ein Junge über die Gartenmauer. Er lief auf den Apfelbaum zu, doch dann bemerkte er den Traum und blieb stehen. „Wohnst du hier?“
Der Traum war höchst erfreut, angesprochen zu werden und wollte die Bekanntschaft nicht gleich verderben. Deswegen überlegte er kurz, bevor er antwortete. Der Junge war bei seinem Anblick erschrocken, und so schien es ihm klüger, zu sagen: „Nein, ich bin nur zufällig hier vorbei gekommen.“ Das beruhigte den Jungen offenbar, doch an einer Unterhaltung schien er nicht interessiert zu sein. Er lief zum Apfelbaum, spähte erst in dessen Äste hinauf, und als er keine Äpfel mehr daran entdeckte, ging er unter dem Baum umher und suchte den Boden ab. Doch die Äpfel, die im Gras lagen, waren allesamt verdorben. Schließlich fand er einen, der zwar Wurmlöcher hatte, aber noch nicht verfault war, und er begann, ihn vor sich her zu kicken, bis der Apfel direkt vor die Füße des Traums rollte.
Der Traum streckte einen Fuß danach aus, berührte den Apfel mit der Spitze, aber natürlich bewegte der Apfel sich kein Stück.
Der Junge war herangekommen. Mit gesenktem Blick bückte er sich nach dem Apfel.
„Kannst du gut Fußball spiele?“ fragte ihn der Traum.
„Es geht so“, sagte der Junge verlegen. „Ich kann dribbeln. Hat mein Bruder mir beigebracht. Aber jetzt macht er seinen Wehrdienst und kommt nur selten nachhause. Spielst Du Fußball?“ Die Frage klang hoffnungsvoll.
„Nein“, entgegnete der Traum, „das kann ich nicht.“
„Hast du nie gespielt?“ fragte der Junge enttäuscht. „Auch nicht, als du jünger warst?“
„Nein, nie“, sagte der Traum. „Was glaubst du denn, wie alt ich bin?“ Er war immer noch neugierig zu wissen, wie die Menschen, denen er begegnete, ihn sahen.
Der Junge druckste ein bisschen herum. „Na, so alt wie mein Vater vielleicht“, sagte er schließlich, und dann: „Ich muss jetzt auch nachhause.“ Und damit lief er zur Gartenmauer, sprang hinüber, wie er gekommen war, und war so schnell verschwunden, dass der Traum ihn nicht mehr fragen konnte, wie alt denn sein Vater sei. Den wurmstichigen Apfel hatte er im Gras liegen lassen.

Lange Zeit regte sich nichts im Garten. Die Sonne war schon ein gutes Stück weiter Richtung Westen gewandert, als eine Frau aus dem Haus trat. Sie hatte sie Hände in den Taschen ihrer Strickjacke vergraben. Obwohl es warm war, schien sie zu frösteln. Als sie den Traum bemerkte, stand sie eine Weile ganz still und schaute zu ihm herüber.
„Entschuldigen Sie mein Eindringen“, sagte der Traum. „Dieser friedliche Garten hat mich wohl verlockt. Wenn ich Sie störe, gehe ich sofort.“
„Friedlich“, sagte die Frau und schien dem Wort nachzulauschen. „Ja, friedlich ist es hier.“ Ihre Stimme klang traurig. “Nein, bleiben Sie ruhig. Sie stören nicht.“ Sehr langsam, als überlege sie, ob sie wieder umkehren sollte, kam sie näher. Schließlich setzte sie sich, dem Traum gegenüber, auf den Brunnenrand. „Mein Mann hat hier auch oft gesessen.“ Sie zog eine Hand aus der Jackentasche, tauchte sie ins Wasser und beobachtete, wie die Wasseroberfläche sich kräuselte.
Zu seiner Verwunderung kam dem Traum eine schwache Erinnerung. Traurige Frauen. Ja, er hatte auf der Bettkante trauriger Frauen gesessen. Sie schliefen nicht. Dabei hätte nichts ihnen besser getan, als sich von einem Traum in die Arme nehmen zu lassen. Er tauchte seine Hand ebenfalls ins Wasser, überlegte, ob er es wagen sollte, die Ihre zu berühren. Doch schon hatte sie ihre Hand zurückgezogen.
Sie schaute auf den stillen Wasserspiegel, dann hob sie den Blick. „Sie sind ein Traum, nicht wahr?“
„Ja“, gab er zu, „ich bin ein Traum.“
„Sie haben Ähnlichkeit mit meinem Mann. Schade, dass ich Sie hier treffe, jetzt, am Tag.“ Dann stand sie sehr schnell auf und kehrte mit raschen Schritten ins Haus zurück.

Wenn ich es bis dahin nicht vergesse, dachte der Traum, sollte ich heute Nacht einmal nachschauen, ob sie schläft. Der Gedanke animierte ihn. Das war ja überhaupt eine grandiose Idee. Jetzt, wo er seine ersten Erfolge als Tagtraum hatte, könnte er doch vielleicht beides sein, ein Tag- und ein Nachttraum. Beschwingt verließ er seinen Sitzplatz, lief zum Apfelbaum und machte es sich wieder zwischen dessen knorrigen Ästen bequem.

Der Traum dachte noch immer über die Möglichkeiten nach, die sich ihm eröffnen würden, wenn er sowohl Tag- als auch Nachttraum wäre, als er den Baum leise seufzen hörte.
„Schläfst du?“ fragte er ihn abermals.
„Lass mich in Ruhe“, antwortete der Baum müde. „Ich bereite mich auf mein Ende vor. Das solltest du vielleicht auch tun.“
Angesichts seiner gerade gefassten Pläne, erschien dem Traum dieser Vorschlag völlig absurd. „An mein Ende denke ich nicht einmal, und du solltest es auch nicht tun“, sagte er. „Erinnere dich lieber all der guten Jahre, als du im Frühling in voller Blüte standest und im Sommer so reichlich Frucht trugst, dass die Bewohner dieses Hauses sich mit Apfelkuchen Tag um Tag den Magen füllen konnten. Wenn sie genug Schlagsahne darauf taten, konnten meine Kollegen gewiss manchen Schabernack mit ihnen treiben.

„Sag, was du willst“, knarrte der Baum, „ich bin ein alter Baum, und du bist ein alter Traum. Unsere besten Tage liegen hinter uns.“
Ein alter Traum? Hatte die alte Frau in ihm nicht einen jungen Menschen gesehen? Und der Vater des Jungen war gewiss auch kein Greis, ebenso wenig wie der Mann, nachdem die traurige Frau sich sehnte.
Doch offenbar sah ihn jeder, wie er wollte, und er war gut beraten, wenn er die Menschen dazu brachte, ihn jung, schön und stark zu sehen. Solange sie es taten, wäre er es auch.
Er strich mit seiner Traumhand über die Rinde des knorrigen Astes. „Schau doch“, sagte er sanft, „und du willst mir weismachen, du wärst alt?“
Ein leises Zittern lief durch den Baum, und seine Blätter begannen zu flüstern.
„Ich blühe. Wahrhaftig, der Sommer geht zu Ende, und ich blühe.“

© Christa Hartwig

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