zauberkoenig

Es gibt den Laden noch, und er hat sich seit meiner Kindheit kaum verändert. Nur die Bemalung an der Fassade und der angrenzenden Friedhofsmauer ist neu.
Wenn meine Mutter und ich meine Tante besuchten und den Weg dorthin zu Fuß zurücklegten, überredete ich sie oft, den Weg durch die Hermannstraße zu nehmen, obwohl der die Karl-Marx-Straße hinunter wegen der sich dort aneinanderreihenden Geschäfte unterhaltsamer war. Der Grund für das Aufbieten meiner Überredungskünste war der Zauberkönig. Dann stand ich vor den Schaufenstern und konnte mich nicht sattsehen an den Dingen, die dort ausgelegt waren. Da gab es Scherzartikel der gröberen Art (z.B. Kothaufen aus Plastik) und der netteren Art, wie Zuckerwürfel, die wenn sie sich auflösten, einen Plastikmariechenkäfer freigaben. Da lagen sogenannte Zauberkästen für Laien, aber auch Dinge, deren Sinn und Gebrauch mir rätselhaft blieb. Und da standen Leuchttürme aus goldfarben beschichteter Pappe, deren Lichthaus sich durch die Wärme der im Turm untergebrachten Glühbirne drehte, so dass die mit farbigem Transparentpapier versehenen Fenster bunte Reflexe über die Wände huschen ließen.
Jedes Mal bat ich, dass sie mit mir in den Laden ging, doch genauso gut hätte ich sie bitten können, mit mir einen Erotik-Shop zu betreten (den es damals noch nicht gab). Als würde eine Gefahr oder eine Verführung hinter der Tür auf uns lauern, weigerte sie sich. Und erstaunlicherweise verhielt sich der Rest der Familie ebenso. Selbst mein Großvater, der mir sonst keinen erfüllbaren Wunsch abschlug, war nicht bereit, mit mir in dieses Geschäft zu gehen. – Und Jahre später, als ich längst allein durch die Stadt stromerte, blieb ich, wenn der Weg mich durch die Hermannstraße führte, vor den Schaufenstern stehen, betrat den Laden aber nie, als würde ich damit ein Tabu brechen. Bis heute bringt mich diese Merkwürdigkeit ins Grübeln.

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