Ich schreibe jetzt etwas, womit ich mich endlich mal bei allen, aber auch wirklich allen unbeliebt machen kann. Mit dem einen oder anderen Eintrag ist mir das bei Einzelnen vielleicht schon gelungen. Mit diesem werde ich gründlicher sein, und ich werde es schaffen, denn unter meinen Lesern sind genug Katzenliebhaber, und Tierfreund ist sowieso jeder anständige Mensch.

Heute Morgen dachte ich, meine Katze sei tot.
Darüber, dass ich eine Katze habe, schreibe ich im Vergleich zu anderen Katzenbesitzern eher selten. Das liegt einerseits daran, dass die Katze eigentlich nicht mir, sondern meiner jüngeren Tochter gehört, andererseits daran, dass ich mit dieser Katze in einem andauernden Kriegszustand lebe. Und warum ständig von meinen häuslichen Zwistigkeiten berichten?

Aufgewacht bin ich gegen acht Uhr… einfach so. Das passiert sonst nie. Ich brauche keinen Wecker, ich habe ja die Katze. Spätestens um fünf beginnt das Weckprogramm, das darin besteht, dass sie beginnt, mein Bücherregal auszuräumen. Nicht grundlos stehen die mir am wenigsten bedeutenden Bücher in der untersten Reihe, die ich auch vom Sessel aus bequem erreichen könnte, wenn mir denn an der Lektüre viel gelegen wäre Die Bücher sehen schlimm aus, denn regelmäßig werden sie mit Krallen aus dem Regal gezerrt und fallen polternd zu Boden. Wie der unter mir wohnende Nachbar sich diesen Lärm erklärt, habe ich mich schon manchmal gefragt, allerdings ohne mich jemals bei ihm dafür zu entschuldigen. Wenn seine Kinder zu Besuch da sind, toben sie bis nachts um zwei durch die Wohnung (getrennt lebender Vater, der seinen Gören scheinbar alles erlaubt). – Ich wachte also gegen acht Uhr auf, und es war wunderbar still. Mit einem Auge (das andere noch nicht richtig offen) spähte ich zum Bücherregal, erwartete ein Chaos zu erblicken, und wunderte mich nur darüber, dass das Gepolter mich diesmal nicht aus dem Schlaf gerissen hatte. Nun, es konnte mich nicht aus dem Schlaf reißen, denn alle Bücher standen fein säuberlich an ihrem Platz. Die Katze aber lag, wo sie um diese Zeit nie liegt, in der offenen Tür, seitlich ausgestreckt. Das macht sie nur an heißen Tagen, weil dort ein Luftzug kühlt, und von heißen Tagen kann man im Moment nicht sprechen. Auch als ich an ihr vorbei ging, rührte sie sich nicht.

Die Katze ist tot, dachte ich und tappste in die Küche, um mir einen Kaffee zu machen, ohne mich von der Richtigkeit meiner Vermutung zu überzeugen. Tote Katze auf nüchternen Magen ist nicht so mein Ding. Dennoch überlegte ich bei der ersten Tasse Kaffee, was nun zu tun sei. Die Stadtreinigung anrufen? Die haben so einen Dienst zur Abholung toter Tiere. Aber kommen die auch sonntags? – Oder mit Katze im dezenten Gepäck in den Wald fahren? Und dann? Ich besitze nicht mal einen Spaten. Und besäße ich einen, würde man mich bei meinem Talent garantiert erwischen. Die Strafe für widerrechtliches Verbringen eines toten Haustiers in landeseigenen Grund und Boden würde vermutlich höher ausfallen als die Gebühren bei der BSR. Rumtelefonieren bei den Gartenbesitzern im Familien- und Freundeskreis, ob jemand dem Tier eine letzte Ruhestatt gewähren würde? Eine ziemliche Zumutung. Und alle anderen Methoden der Entsorgung schienen mir dann doch gegen das mindeste Minimum von Anstand zu verstoßen. Ich hatte ja damit gerechnet, dass die Katze irgendwann erst mal krank wird, ich mit ihr zum Tierarzt gehe, und wenn der keine Hoffnung auf Genesung machen kann, ihn bitte das Tier von seinem Elend zu erlösen und gegen Bezahlung dieser veterinären Dienstleistung gleich dort lasse.
Reicht es nicht, dass das Vieh mich nie ausschlafen lässt, meine Polstermöbel demoliert, grundsätzlich auf den Teppich kotzt, mit Vorliebe an elektrischen Kabeln nagt, ohne je einen Schlag zu bekommen, die Tapeten zerkratzt und mich mit Krallen und Zähnen attackiert, wenn ich nicht auf Verlangen unverzüglich Streicheleinheiten zu geben bereit bin? Muss sie auch noch ohne Vorwarnung krepieren? An einem Sonntag? Und woran eigentlich? Okay sie ist vierzehn, und das ist älter als Katzen in freier Wildbahn üblicherweise werden. Aber Stubentiger erreichen gerne auch ein Alter von zwanzig Jahren, dank ausgewogener Tiernahrung und Abwesenheit fast sämtlicher Gefahren. Gestern hatte sie sich ganz normal benommen, bei den Büchern besonderen Fleiß an den Tag gelegt, und das neue Trockenfutter (das bisherige schien ihr nicht mehr zu schmecken) mit sichtlichem Appetit gefressen.

Als ich aus der Küche kam, hob sie verschlafen den Kopf. Ich war erleichtert. Die Überlegungen, wie ich sie unter die Erde bringe, konnte ich erst mal einstellen. Ob das neue Trockenfutter ein Beruhigungsmittel enthält?

Mit Eurem Mangel an Verständnis für meinen Mangel an Katzennarrheit kann ich leben. Von Anzeigen beim Tierschutzverein und Drohbriefen bitte ich, abzusehen. Im Grunde mag ich Katzen, und ich habe auch mit Katzen schon sehr einvernehmlich unter einem Dach gelebt. Nur mit dieser nicht. Das Thema Haustierhaltung sehe ich eher kritisch, das gebe ich zu, und wenn ich höre, Tiere seien die einzigen wahren Freunde, und wenn ich sehe, dass alte Leute, mit einer Rente, die kaum zum Leben reicht, sich das Katzen- oder Hundefutter buchstäblich vom Munde absparen, dann lasse ich mich auch schon mal zu einem Kommentar hinreißen, ob man für das Geld nicht lieber mal die Nachbarin zum Kaffee einladen sollte. Und wenn ich für Tiere etwas spende, dann für die Erhaltung ihrer natürlichen Lebensräume und nicht für Tierasyle.

Steinigt mich.

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