Ich schreibe gerne Fragmente. Als Fragmente bezeichne ich Geschichten, die eigentlich keine sind, die sich lesen, wie der Anfang, das Ende oder ein Ausschnitt aus einer Geschichte. Auch die „richtigen“ Geschichten, die ich schreibe, beginnen oft mit einem solchen Fragment. Eine Szene, um die herum ich eine Geschichte entwickle. Belasse ich es beim Schreiben bei dieser einen Szene, bleibt es dem Leser überlassen, die Geschichte selbst weiter zu entwickeln. Das mag nicht jedem gefallen, und wem es nicht gefällt, der sollte an dieser Stelle aufhören, zu lesen.

Das Folgende hatte ich zu einem Foto in Phillipp’s Blog geschrieben. Phillipp hat aufgeräumt, und dabei ist auch dieses Schnippselchen im Papierkorb von blog.de gelandet. Dass ich das Foto damals heruntergeladen und meinen Text abgespeichert habe, hat mehr mit Glück als mit Verstand zu tun. Vielleicht möchte es ja doch noch jemand lesen.

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Erste Liebe oder Was bleibt

Wie sonst auch, hatte Felipe, nachdem er den Film entwickelt hatte, postkartengroße Abzüge gemacht, um sie an die Touristen zu verkaufen. Als er die Fotos in seine Umhängetasche packte, blieb ihm das letzte in der Hand, und er schaute es an, bis er glaubte, eine Unschärfe zu entdecken. Unscharf, dachte er, das passiert mir nie. Er schloss die Augen, öffnete sie wieder und sah das Bild gestochen scharf. Das Andere, das von damals, das von ihm und Maria Luisa war vergangen. Nur ihre Stimme glaubte er noch zu hören, dicht an seinem Ohr, als sie sich auf seine Schulter lehnte. Und das Lächeln in ihrer Stimme, als sie sagte: „Du schaffst es, Felipe. Gustavo ist ein Angeber. Du läufst schneller. Ich will Gustavo keinen Kuss geben müssen. Denk daran.“
Und er war schneller gelaufen als Gustavo. Und Maria Luisa hatte ihn geküsst. Damals.

Er steckte das letzte Foto zu den anderen, hängte sich die Tasche um, stemmte sich vom Stuhl hoch, nahm die Krücken und machte sich auf den Weg hinunter in die Altstadt, wo sich bald die Tische vor den Restaurants füllen würden. Denn wenn sein zerschossenes Bein ein Gutes hatte, so war es das Mitleid in den Augen der Frauen, auch wenn es lange gedauert hatte, sich daran zu gewöhnen.

© Christa Hartwig

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