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Es waren einmal zwei Brüder.
Du meine Güte, was für ein abgedroschener Anfang für ein Märchen! Aber Geschichten sind wie sie sind, und diese handelt nun einmal von zwei Brüdern, die da einmal waren. – Es waren also einmal zwei Brüder von recht unterschiedlichem Temperament. Auch dies darf nicht verschwiegen werden, wenngleich es das Klischee von Märchenbrüdern auf geradezu lächerliche Weise bedient.
Karl war still und ernst, Kurt lebhaft und stets guter Dinge. Die drei Jahre, die Karl älter war als Kurt, war Kurt jünger als sein Bruder. Daraus ergab sich ein gefühlter Altersunterschied von mindestens sechs Jahren. Eines aber war ihnen gemeinsam: Sie hatten beide ein Talent zum Schreiben.

Karl schrieb kleine Geschichten, in denen all die Heiterkeit Ausdruck fand, die er als Person nicht an den Tag legte. Kurt wurde Journalist und betrieb seine Profession mit solcher Ernsthaftigkeit, dass er es mit vierzig Jahren zum Herausgeber mehrerer Magazine gebracht hatte, nur noch deren Vorworte schrieb und ansonsten sehr viel Zeit in Redaktionskonferenzen saß. Er konnte Frau und Kindern ein gutes Leben bieten, und sie mussten nichts entbehren, wenn er seinen Bruder hin und wieder unterstützte, denn dieser war, ganz im Gegensatz zu ihm, das, was man in jenen Tagen gerne als Loser bezeichnete. Es ist übrigens nicht schade, dass diese Bezeichnung sich weitgehend wieder verloren hat.

Es soll nun niemand denken, Kurt hätte sich seinem Bruder gegenüber gönnerhaft benommen. Die Brüder waren einander sehr zugetan, und Kurt ließ es nicht an Feingefühl fehlen. So oft es sich einrichten ließ, veröffentlichte er eine von Karls Geschichten in einem seiner Magazine und war darauf bedacht, Karl nicht merken zu lassen, dass das dafür gezahlte Honorar das Übliche weit überstieg. Und wenn die beiden Brüder in einem Restaurant aßen, so bestand Kurt darauf, die ganze Zeche zu übernehmen, und verlangte ostentativ eine auf den Verlag ausgestellte Rechnung. Sein Steuerberater jedoch bekam diese Rechnungen nie zu sehen, obwohl er phantasiebegabt genug war, um damit etwas anfangen zu können.

So lebten die beiden Brüder, jeder nach seiner Façon, und es hätte immer so weitergehen können, wenn es mit Karl nicht ein vorzeitiges und ganz unerwartetes Ende genommen hätte.

In der Lokalzeitung war davon nicht mehr zu lesen, als dass bei einem Verkehrsunfall in der Königsallee ein 53jähriger Fußgänger ums Leben gekommen war. In Kurts Haus aber war die Trauer groß. Das änderte sich auch nicht, als ruchbar wurde, dass Karl sich auf dem Weg zu einer Dame befunden hatte, als das Auto ihn anfuhr und mehrere Meter durch die Luft schleuderte. Wie ein sanfter Engel war Kurt jene Dame erschienen, als er sie bei der Beerdigung zum ersten Mal zu Gesicht bekam. Ein spätes Glück von allzu kurzer Dauer. Wenigstens mochte Karl glücklich gestorben sein. Ob er wirklich glücklich gelebt hatte, wagte sein Bruder nicht zu beurteilen.

Kurt überließ es nicht seinen Angestellten, sondern kümmerte sich höchst persönlich um Karls Hinterlassenschaft. Als er das Inventar der Wohnung sichtete, beschämte ihn die Bescheidenheit der Einrichtung und der Habseligkeiten. Die Möbel waren aus zweiter Hand, wenn nicht vom Sperrmüll, die Pullover verwaschen und die Jacken abgetragen. Die Reiseschreibmaschine, auf der Karl seine Geschichten geschrieben hatte, war mindestens dreißig Jahre alt. – So oft sich Kurt auch sagte, dass sein Bruder Wohltaten, über die hinaus, die er ihm hatte angedeihen lassen, zurückgewiesen hätte, wollte das unbequeme Gefühl, etwas unterlassen zu haben, doch nicht weichen.

Neben der Schreibmaschine lag ein seltsames Büchlein. Die Seiten waren aus ganz unterschiedlichem Papier, teils auf einer Seite bedruckt oder an den Rändern gemustert. Aus der Garnrolle daneben, in der eine Nadel mit einem Faden steckte, schloss Kurt, dass sein Bruder das Büchlein selbst geheftet hatte, wohl um es als Notizbuch zu verwenden. Und da es das Letzte zu sein schien, was Karl zustande gebracht hatte, steckte Kurt das Büchlein zu sich, um es als Erinnerung aufzubewahren.

Wie Kurt nun wieder in seinem Büro saß, bequem in die Lederpolster des Chefsessels zurückgelehnt, vor sich die polierte Schreibtischplatte aus Mahagoni, nahm er das Büchlein zur Hand. Und als er die erste Seite genauer betrachtete, sah er, dass sie aus der Einkaufstüte eines Warenhauses zurechtgeschnitten war. Ehe er noch weiter blättern konnte, war da plötzlich eine Geschichte in seinem Kopf, schon von Anfang bis Ende erzählt, als müsse sie nur noch aufgeschrieben werden.
Kurt konnte gar nicht anders. Er griff zum Füllfederhalter und begann zu schreiben. Um Platz zu sparen, bemühte er sich um eine möglichst kleine Schrift, gleich der seines Bruders. Er schrieb und schrieb, und als die Geschichte fertig erzählt war, war die Seite gerade voll.
Wie seltsam, dachte er. So etwas war ihm noch nie widerfahren. Früher hatte er Berichte für Zeitungen geschrieben. Jetzt schrieb er Grußworte an die Leser seiner Magazine. Geschichten, die aus dem Nichts zu kommen schienen, Phantasiegebilde, als seien sie nicht in seinem Kopf entstanden, sondern ihm zugeflogen, das war ihm etwas ganz Neues.

Tag für Tag griff er zu dem Büchlein, und jedes Mal, wenn er eine neue Seite aufschlug, war plötzlich eine Geschichte da und wollte aufgeschrieben werden.
Es ist, als würden die Geschichten schon in dem Papier stecken, dacht er, wie bei den weißen Zauberblättern in der Kindheit, über die man nur leicht mit einem weichen Bleistift stricheln musste, damit ein Bild sichtbar wurde.
Dann wieder kam ihm der Gedanke, es könnte sich um die Geschichten handeln, die sein Bruder nicht mehr hatte schreiben können, und die Vorstellung, der Geist des toten Bruders, so lieb er diesen auch gehabt hatte, könnte sich seiner bemächtigen, hätte ihm ein leises Grausen verursacht, wäre da nicht die pure Lust am Schreiben dieser Geschichten gewesen. Er war glücklich, wenn er sie schrieb.
Und als die letzte Seite des Büchleins voll geschrieben war, ging es ihm, wie es einem geht, wenn eine Arbeit vollbracht ist. Er war zufrieden aber auch wehmütig. Das Schreiben würde ihm fehlen. Was sollte er anfangen mit jener Stunde am Nachmittag, die er nun gewohnt war, mit dem Aufschreiben einer Geschichte zuzubringen?

Aber die Tage eines Verlegers sind angefüllt mit Arbeit und Terminen. Es dauerte nicht lange, und er dachte nicht mehr ans Schreiben und an das Büchlein, das in der Schublade lag, bis er eines Abends mit einem anderen Verleger zum Essen Verabredet war.
Der Andere verlegte schöngeistige Literatur und wollte für eine neue Buchreihe in Kurts Magazinen werben. So sprachen sie während der Mahlzeit übers Geschäft und ein wenig auch über das Wetter und die Wirtschaftslage, dann über den Wein, den Kurt zum Essen hatte bringen lassen, und schließlich über Wein und gute Jahrgänge im Allgemeinen. Das brachte sie darauf, eine weitere Flasche zu bestellen, und erst bei dieser zweiten Flasche wurde die Unterhaltung etwas persönlicher. Fast ohne Absicht erwähnte Kurt das Büchlein, und der Literaturverleger, der sich dadurch noch bessere Konditionen für seine Werbecampagne erhoffte, zeigte sich interessiert und bat Kurt, ihn das Büchlein bei nächster Gelegenheit einmal sehen zu lassen. Und nachdem Kurt ein paar Ausreden vorgebracht hatte, die sein Gegenüber nicht gelten ließ, gab er nach.

Es verging keine Woche, nachdem Kurt dem Literaturverleger das Büchlein übergeben hatte, dass dieser ihn anrief und um eine Unterredung bat.
Das sei ja eine beeindruckende Sammlung kleiner Geschichten und durchaus für eine Veröffentlichung geeignet. Ja selbst die Aufmachung habe etwas sehr Reizvolles, sei ungewöhnlich und passe zu den verschiedenen Stimmungen und Erzählmotiven. Man müsse nur überlegen, wie die Kosten für den aufwendigen Druck auf unterschiedlichem Papier sich rechneten. Zunächst aber sollte man sich auf das Autorenhonorar einigen.
Kurt wehrte ab. Er wollte kein Honorar. „Dieses Buch habe nicht ich geschrieben“, sagte er. „Es hat sich sozusagen selbst geschrieben.“
„Sie wollen also anonym bleiben?“ fragte der Literaturverleger.
Kurt erklärte ihm, dass es darum nicht ging. „Wenn sie auf dem Umschlag einen Titel und einen Verfasser brauchen, dann muss es heißen:

Das Buch vom Buch

© Christa Hartwig

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