Edward Hopper: Study for “Office at Night”, 1940

Edward Hopper: Study for “Office at Night”, 1940

Als es immer häufiger vorkam, dass, wenn Rosenbach am Nachmittag sein Büro verließ, seine Sekretärin nicht auch dabei war, ihren Schreibtisch zu ordnen, um nachhause zu gehen, sondern nur kurz aufblickte und „Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend, Herr Rosenbach“, sagte, mit einem Lächeln, das nicht einmal recht zum Aufblühen kam, bevor sie sich wieder über die Arbeit beugte, fragte er sie, ob sie Überstunden mache. „Nicht der Rede wert“, war die Antwort.
Eines Abends jedoch, es war bereits dunkel, führte sein Weg Rosenbach an dem Bürohaus vorbei, in welchem er ursprünglich eine Suite gemietet hatte, inzwischen die Geschäftsräume aber eine ganze Etage einnahmen. Hinter dem Fenster seines Vorzimmers brannte noch Licht. Da er nicht verabredet war, sondern allein essen würde, griff Rosenbach zu seinem Mobiltelefon, und gab dem Restaurant Bescheid, dass er sich verspäten würde, man den Tisch jedoch für ihn freihalten möge.

Er musste fast eine Stunde warten, bis die Sekretärin aus dem Eingang des Bürogebäudes auf die Straße trat. In dieser Stunde hatte Rosenbach Gelegenheit, sich Gedanken zu machen. Sekretärinnen, besonders die unverheirateten, waren eine weibliche Spezies für sich. Irgendwie schafften sie es, den Chef, ob er wollte oder nicht, zum Mittelpunkt ihres Lebens zu erklären, was durchaus Annehmlichkeiten, wie zum Beispiel den täglichen Obstteller, mit sich brachte. Sie logen für ihren Chef, ohne rot zu werden, sie kannten sich in seinem Terminkalender besser aus als er selbst, verfeinerten seinen Briefstil, ohne eine Bemerkung darüber fallen zu lassen, und brachten ihm als Mann eine so an- wie zurückhaltende aber doch spürbare Bewunderung entgegen, die bei Freundinnen oder gar Ehefrauen mitunter schnell ihr Verfallsdatum erreichte. Weil dem aber so war, hätte Rosenbach niemals einer Sekretärin sein Gunst erwiesen. Mit dem anderen Mann, ihrem Chef, in Dauerkonkurrenz zu stehen, verhieß die Notwendigkeit erheblicher Anstrengungen. Und etwas mit seiner eigenen Sekretärin anzufangen, kam für ihn überhaupt nicht in Frage, hätte es doch bedeutet, sich eine neue suchen zu müssen.
Als Arbeitgeber aber war Rosenbach nicht einer der Schlechtesten, und schamlos ausbeuten wollte er sein Personal keineswegs. Er stieg aus dem Auto, trat auf seine Sekretärin zu, die bei seinem Anblick sichtbar zusammenzuckte, und sagte sehr bestimmt: „Also, so geht das nicht.“

Am folgenden Morgen bestand er darauf, dass die Sekretärin in gleich drei Tageszeitungen (zwei regionalen und einer überregionalen) ein Inserat aufgab, demzufolge in Rosenbachs Firma die Stelle einer Junior-Sekretärin zu besetzen wäre. Und in den Tagen darauf beobachte Rosenbach, wie der Stapel von zugeschickten Bewerbungsmappen auf dem Schreibtisch seiner Sekretärin wuchs.
Bei Ablauf der Bewerbungsfrist hatte er eine Höhe erreicht, die Rosenbach, obwohl ihm die Arbeitsmarktstatistik bekannt war, in Erstaunen versetzte. Gleichzeitig mit dem Obstteller landete der Stapel auf seinem Schreibtisch.
„Ist das alles?“ fragte Rosenbach, dem nicht entgangen war, dass ursprünglich auf dem Stapel noch einige, wenn auch wenige, nicht geheftete Briefe gelegen hatten.
„Alles, was in Frage kommt“, sagte die Sekretärin. Schon seit der Aufgabe der Annonce war es Rosenbach nicht entgangen, dass die ganze Stellenausschreibung ihr nicht behagte. Aber schließlich handelte er in ihrem ureigensten Interesse und ließ sich deshalb auf keine Diskussion ein.
„Wenn Sie so freundlich wären, mir auch den Rest zu bringen“, sagte Rosenbach.
Die Augenbrauen der Sekretärin wanderten ein paar Millimeter in die Höhe. „Wenn Sie sich die Zeit nehmen möchten, Herr Rosenbach“, sagte sie, ging aber sofort, um seinem Wunsch nachzukommen, und kehrte mit einer grauen Bewerbungsmappe und den losen Briefen wieder.

Rosenbach lehnte sich in seinem Sessel zurück. Seltsamerweise erweckten die Briefe, an welche seine Sekretärin den Umschlag, in dem sie geschickt worden waren, jeweils mit einer Büroklammer befestigt hatte, mehr als die Mappen. Und obwohl er dem Urteil der Sekretärin im Allgemeinen durchaus vertraute, griff er, einen Kompromiss wählend, zuerst zu der grauen Mappe.

Da bewarb sich ein fast sechzigjähriger Prokurist, dessen Arbeitgeber in Konkurs gegangen war. Die Bewerbung hätte formvollendeter nicht sein können, die Zeugnisse sagten nur Gutes und Bestes aus, aber so gut kannte seine Sekretärin Rosenbach nun doch, dass sie wusste, es würde ihm widerstreben, einen Mann, der ihm selbst zwanzig Jahre an Lebenserfahrung voraus hatte, seine Briefe tippen zu lassen.

Rosenbach konnte der Versuchung nicht länger widerstehen und griff zu den ungehefteten Schreiben. Während er sie flüchtig durchsah, stieg ihm ein schwacher Duft von Mimosen in die Nase, und es fiel ihm nicht schwer, festzustellen, dass dieses Parfüm zwei zartgelben Briefbögen anhaftete. Ein Anschreiben in gut leserlicher Handschrift, dahinter ein mit Maschine geschriebener Lebenslauf. Zwischen Briefbögen und Umschlag hielt die Büroklammer ein Foto fest. Ein Gesicht, das seiner Ebenmäßigkeit wegen kühl gewirkt hätte, wäre da nicht das Lächeln in den Augen gewesen. Brünettes, sorgfältig aufgestecktes Haar. Ein schlanker Hals, um den sich eine Perlenkette legte. Rosenbach schätzte die junge Dame auf Mitte Zwanzig, doch der weiblichen Eitelkeit misstrauend, verglich er seinen Eindruck mit den Daten im Lebenslauf. Das Foto schien tatsächlich neueren Ursprungs zu sein.

Die Bewerberin hatte das Abitur gemacht, dann aber weder studiert noch eine Ausbildung absolviert, sondern unmittelbar für ihren Vater, einen freien Anlageberater gearbeitet. Der Vater musste gute Geschäfte gemacht haben, wenn er sich jetzt in der Toscana zur Ruhe setzen konnte. Beschäftigte ein solcher Mann die eigene Tochter nur aus väterlicher Überbesorgtheit, wenn sie ihm nicht eine wertvolle Unterstützung gewesen wäre? Mit dieser Frage noch beschäftigt, wandte Rosenbach sich dem großen Stapel von Bewerbungsmappen zu.

Schon der Anblick langweilte ihn, je länger er den Stapel anschaute. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, waren die Mappen dunkelblau. Die Ausnahmen bestanden in einer tannengrünen, einer weißen und zwei schwarzen Mappen.
Wer war nur auf die Idee mit dem Bewerbertraining verfallen? Jeder Trottel wusste inzwischen, wie eine Bewerbung auszusehen hat, was man verschweigt und was man hervorhebt, und die Fotografen machten Bewerbungsfotos im richtigen Format, mit dem richtigen Lächeln, achteten mit darauf, dass die Frisur ordentlich war und der Blusenkragen richtig saß. Nachdem er sich die dritte Bewerbung von vorn bis hinten durchgelesen hatte, fielen Rosenbach fast die Augen zu. Er griff zum Telefon. „Bringen Sie mir doch bitte einen Kaffee.“

Als die Sekretärin den Kaffee brachte, reichte Rosenbach ihr den zartgelben Brief. „Laden Sie die junge Dame bitte zum frühestmöglichen Termin zu einem Vorstellungsgespräch ein.“
Der Teelöffel klirrte auf der Untertasse, als diese etwas unsanft auf dem Schreibtisch abgesetzt wurde. Der Blick der Sekretärin wanderte noch etwas ungläubig zwischen dem ihr entgegengehaltenen Brief und dem Stapel von Mappen hin und her. „Haben Sie die alle schon gelesen?“
„Das tue ich, wenn nötig, nachdem ich mit dieser Bewerberin gesprochen habe“, sagte Rosenbach.
Mit spitzen Fingern nahm die Sekretärin das Schreiben an sich und verließ wortlos das Büro.

Rosenbach legte die bereits gesichteten Bewerbungen oben auf die anderen, schob den Stapel an das äußerste Ende seines Schreibtisches und lehnte sich wieder zurück. Gerne hätte er seine Nase noch einmal dem Mimosenduft genähert, doch den hatte seine Sekretärin jetzt in Bearbeitung. Die Vorstellung, jeden Morgen von diesem Duft empfangen zu werden, gefiel ihm. Die Vorstellung, dass er mindestens eine Woche lang keinen Obstteller bekommen würde weniger. Er seufzte.
Frauen… …

© Christa Hartwig

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