Foto: Holger Ellgaard

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Rosenbachs Schreibtisch war aufgeräumt. Außer einem aufgeklappten Notebook und einem ebenfalls aufgeklappten Filofax befand sich nur ein Telefon darauf. Ein ungewöhnlich formschönes und sehr schlichtes Telefon, ohne Display und mit nichts als zehn Zifferntasten versehen. Das Telefon mit Display, vielen Tasten, Knöpfchen und Lämpchen stand auf dem Schreibtisch von Rosenbachs Sekretärin.
Wenn die Sekretärin ein Gespräch zu ihm durchstellte, gab Rosenbachs Telefon ein kurzes Schnarren in noch kürzeren Intervallen von sich, kam ein Gespräch direkt herein, erzeugte das Telefon einen sonoren Klingelton mit größeren Pausen. Die Durchwahl aber war nur einer sehr begrenzten Zahl von Personen bekannt.

Rosenbachs manikürter rechter Mittelfinger lag auf dem Rädchen der Scroll Mouse. Mit den Fingerkuppen der linken Hand strich er sich das Kinn, eher gedankenverloren, denn seine Gedanken waren nur halb bei den Kurven und Statistiken, die er über den Bildschirm rollen ließ, und halb bei dem Auftrag, den er einer Gärtnerei erteilt hatte. Wenn der Mann pünktlich war, musste er so etwa in diesem Moment liefern.

Mindestens ein Mal innerhalb von fünf Minuten gab das Telefon das Schnarren von sich und Rosenbach griff zum Hörer. Dann sagte er etwa: „Wer?“ – „Ach ja, richtig. Machen Sie nächste Woche einen Termin mit ihm aus. Sagen Sie ihm, ich hätte gerade einen Besucher.“ Oder: „Nein, es hat wenig Sinn, dass Sie ihn zu mir durchstellen. Sagen Sie ihm, dass ich noch nicht dazu gekommen bin, den Vertrag zu prüfen. Ich melde mich, sobald ich mir ein Bild gemacht habe.“ Oder: „Nein, ich bin nicht zu sprechen. Wenn er wieder anruft, wimmeln Sie ihn ab.“

Wenn das Telefon länger als fünf Minuten schwieg, ertappte Rosenbach sich dabei, dass er es anstarrte. Er war sich durchaus nicht sicher, dass es kein Fehler gewesen war, ihr die Durchwahl zu geben. Ein Vertrauensvorschuss, der noch verdient werden wollte. Andererseits hatte er die Erfahrung gemacht, dass seine Sekretärin mit einer gewissen Animosität auf Anrufe von Damen reagierte, die, nach dem Grund des Anrufs gefragt, antworteten, er sei privat. Der liebevoll angerichtete Teller mit geschältem und geschnittenem Obst, den sie ihm pünktlich zur Halbzeit zwischen seinem Einreffen im Büro und dem Lunch freundlich schweigend auf den Schreibtisch stellte, konnte bis zu einer Woche ausbleiben. Als wollte sie damit sagen, dann solle doch jene Dame sich um seine Vitaminversorgung kümmern.
Rosenbach hatte diese Reaktion mehrfach beobachtet, oft genug, um sie auf eine Ursache zurückzuführen. Verstehen würde er sie jedoch nie. Das Verhältnis zu seiner Sekretärin war freundlich aber ließ es an gebührender Distanz nicht fehlen. Indessen war der Obstteller ihm zu einer lieben Annehmlichkeit geworden, auf die er ungern verzichtete.

Das Telefon klingelte. Es schnarrte nicht, sondern gab einen vollen, tiefen Klingelton von sich. Rosenbachs Hand zuckte in die Richtung, dann zwang er sich, es noch ein weiteres Mal klingeln zu lassen, bevor er den Hörer abnahm.
„Rosenbach“, sagte Rosenbach beinahe abweisend. Dann, nachdem er einen Moment gelauscht und einem anhaltenden Lächeln erlaubt hatte, sich von der unteren Gesichtshälfte bis in seine Augen auszubreiten: „Oh, Sie sind es. Ich dachte schon, meine Sekretärin wollte mir den was weiß ich wievielten Anrufer heute durchstellen. Ein schrecklicher Vormittag. Ich komme kaum zum Arbeiten.“ – „Nein, Sie stören mich keineswegs. Ich freue mich.“ – „Ich bitte Sie, das ist doch nur eine kleine Aufmerksamkeit. Eine versuchte Wiedergutmachung. Das Gespräch zwischen Ihrem Herrn Bruder und mir muss für Sie unerträglich langweilig gewesen sein, und ich habe Sie dafür bewundert, dass Sie sich davon nichts anmerken ließen. Nur gut, dass wir am Ende doch noch Gelegenheit hatten, ein auch für Sie interessantes Thema –“ – „Ein Hochstämmchen, ja. Ihr Bruder hatte ja Ihre Terrasse erwähnt. Und die kleine Anspielung auf meinen Namen nehmen Sie mir hoffentlich nicht übel.“ Rosenbach gestatte sich ein verhaltenes Lachen. „Richtig, eine Gloria Dei. Ich wusste, dass Ihnen meine Spielerei mit den Namen nicht entgehen würde. Sie sind eine kluge Frau. Ein Grund mehr, dass ich unser Gespräch gerne fortsetzen würde, bei einem Abendessen vielleicht.“ – „Warten Sie, ich muss in meinen Terminkalender schauen. Als freier Unternehmer ist man sein eigener Sklave.“ Rosenbach ließ eine Minute verstreichen, während er reglos dasaß und auf die Atemzüge am Telefon lauschte. „Die nächste Woche ist katastrophal. Heute Abend ginge es zwar, weil ein Geschäftpartner, mit dem ich verabredet war, mir heute früh absagen musste. Aber das ist sicher zu kurzfristig.“ – „Sie hätten Zeit? Das ist ja fast zu schön.“ – „Nein, das Restaurant, in dem wir mit Ihrem Bruder waren, ist doch eher etwas für geschäftliche Tagesverabredungen. Ich denke da an ein Anderes. Es ist allerdings etwas außerhalb gelegen. Ein sehr schöner Gasthof mit hervorragender Küche. Und man sitzt sehr gemütlich.“ – „Die Adresse? Selbstverständlich, aber der Weg ist etwas kompliziert zu beschreiben. Ich habe mich selbst auch schon verfahren. Natürlich würde ich Sie auch gerne abholen.“ – „Wäre Ihnen acht Uhr recht?“

Als Rosenbach den Hörer auflegte, war sein Lächeln das geworden, was man gemeinhin ein zufriedenes Grinsen nennt. Er griff abermals zum Hörer und drückte die Eins.
„Rufen Sie doch bitte für mich im Waldhaus an, und reservieren Sie mir einen Tisch für drei Personen. Und fragen Sie vorsichtshalber, ob ein Gästezimmer frei ist. Wie ich diese Brüder einschätze, werden sie reichlich trinken, wenn sie eingeladen sind.“

© Christa Hartwig

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