Eines Nachts träumte Rosenbach, er hätte eine Dame zum Dinner eingeladen in ein sehr vornehmes und ihm wohlbekanntes Restaurant, doch hatte er vergessen, welche Dame ihm die Ehre geben sollte.
Der Kellner, der ihn stets bediente, dirigierte ihn zu dem reservierten Tisch. Gerne hätte Rosenbach sich ein Gesicht vorgestellt, eine Frisur erwartet, eine ihm vielleicht schon bekannte Robe, verbunden mit einem Namen, doch Rosenbachs Gedächtnis ließ ihn beharrlich im Stich.
Der Kellner brachte die Speisekarte, und als Rosenbach sagte, er würde warten, bis seine Begleitung käme, entgegnete der Kellner ganz im Widerspruch zu seiner sonst servilen Art, die Dame würde erst kommen, wenn der Herr Rosenbach gewählt hätte. Dies erschien Rosenbach wie ein Herrenwitz, aber das Lachen wollte nicht heraus und blieb ihm gleichsam im Halse stecken, so dass er sich, durch seine eigenen Empfindungen verwirrt, über die Karte beugte.

speisekarte

Herr Rosenbach legte die Stirn in Falten, und war im Begriff, dem Kellner zu sagen, dass er diese Menüs für doch sehr extravagant hielt, als jener sich leicht vorbeugte und mit einschmeichelnder Stimme fragte, ob er sich erlauben dürfe, dem Herrn Rosenbach die Fünf-Minuten-Terrine, als Hauptgang die Zeitungsente mit Corps Diplomatique und zum Dessert eine Baisse mit Hypotheken zu empfehlen.

Rosenbach war inzwischen völlig verunsichert, was er davon halten sollte und deshalb ganz auf die Überlegung konzentriert, ob er in den Augen des Kellners Ansehen einbüßen würde, wenn er ihn fragte, ob es möglich wäre, die Terrine, die Cannelloni und dieses Eis mit Papierschirmchen zu bekommen. Dabei fiel ihm ein, dass diese Schirmchen, wenn man sie zusammenfaltete und wieder aufspannen wollte, meistens kaputtgingen. Wie oft hatte er sich darüber geärgert – früher. Aber er würde es nicht lassen können, das Schirmchen schließen und öffnen bis das bunte Seidenpapier einriss. Andererseits konnte er sicher sein, auf die Suppe nicht lange warten zu müssen. All diese Gedanken ließen ihn fast vergessen, dass sein größtes Problem darin bestand, mit welcher Dame er speisen würde, und ob es eine von denen war, die ihn besonders wegen seiner Kultiviertheit bewunderten.

Als dieser Gedanke ihn ansprang wie ein bösartiger Kläffer, verlor er die Nerven, ignorierte, dass der Kellner ihm gerade einen „Black Monday“ als Aperitif vorgeschlagen hatte und sagte: „Nein, bringen sie mir erst mal ein Bier. Ein großes Helles.“ Und in dem Moment, als er es aussprach, meinte er hinter den Butzenscheiben der Entreetür eine nicht unbekannte Silhouette auszumachen, eine irgendwie vertraute Bewegung. – Doch bevor die Tür sich öffnete, wachte er auf.

© Christa Hartwig

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