Greta Garbo als Kameliendame

Greta Garbo als Kameliendame

„Was sind das für Briefe?“ fragte der Professor.
Ohne aufzublicken, wusste Dorothea, seine Frau, dass er die Augen leicht zusammengekniffen und eine steile Falte sich über seiner Nasenwurzel gebildet hatte. Ruhig schaute sie zu, wie die Flammen an dem Büttenumschlag leckten, den sie gerade in das Ofenloch geworfen hatte, wie die Ränder braun wurden und zu glühen begannen. „Briefe, die Karl an Elisabeth geschrieben hat“, sagte sie.
„Und warum verbrennst Du sie?“ Die Stimme des Professors klang jetzt leicht erstaunt. Elisabeth war erst vor wenigen Wochen zu Grabe getragen worden. Ihren Haushalt aufzulösen, war Dorothea, ihrer Schwester und einzigen noch lebenden Verwandten zugekommen.
„Ich nehme an, es sind Liebesbriefe“, sagte Dorothea. „Sie waren mit einem blauen Seidenband verschnürt. Ich bin nicht sicher, aber es könnte das Band sein, das Elisabeth bei ihrer Hochzeit ins Haar geflochten hatte. Es liegt auf dem Tisch. Diese Briefe gehen niemanden außer Elisabeth etwas an.“
Die Dielen knarrten leise, als der Professor an den Tisch trat. Dorothea wusste, dass er das Band mit zwei Fingern aufgehoben und über die Fläche der anderen Hand gelegt hatte. Wenn man so lange verheiratet ist, kennt man jede Geste, mit der der Andere etwas tut. „Ja, es sieht ziemlich alt aus“, sagte er.
„Wie wir“, entgegnete Dorothea und lächelte in die Flammen, die sich über den nächsten Brief hermachten. Der Packen in ihrer Hand hatte bereits um die Hälfte abgenommen.
„Du hast sie nicht gelesen?“ Wissend, dass es eine rhetorische Frage war, antwortete Dorothea nicht, und tatsächlich fuhr der Professor fort: „Darüber sollte ich wohl froh sein. Ich habe dir nie Liebesbriefe geschrieben. Am Ende würdest du mir noch einen Vorwurf machen. Karl war gewiss ein begnadeter Briefschreiber. In jedem Fall verstand er sich darauf, Komplimente zu machen. Mir hat das nie gelegen.“

Im Widerschein des Feuers schien Dorotheas Gesicht bewegt, ihre Stimme aber klang gelassen, fast heiter, als sie erwiderte: „Du hast mir doch Briefe geschrieben.“
„Aber keine Liebesbriefe.“ An dieser Feststellung schien dem Professor gelegen zu sein. „Keine, die man mit einer Schleife zusammenbindet und aufbewahrt.“
„Verschnürt habe ich sie nicht“, gab Dorothea zu, „aber aufbewahrt doch, in einem Kästchen.“
„Du hast sie noch?“ Er machte eine Pause, um seiner Verwunderung Ausdruck zu verleihen. „Du liebe Güte, es muss zwanzig Jahre her sein, dass ich dir den letzten Brief geschrieben habe.
Dorothea, die sich mit dem Verbrennen der Briefe Zeit ließ, jeweils abwartend, bis die Flammen sich ganz und gar eines Umschlags bemächtigt hatten, bevor sie den nächsten folgen ließ, überlegte. „Ja, das war, als ich drei Monate in dem Lungensanatorium verbringen musste, und das ist zweiundzwanzig Jahre her. – Den ersten schriebst du mir, da waren wir noch nicht verheiratet, als du für ein Studiensemester nach Rom gegangen warst.“
„Habe ich dir aus Rom nur einmal geschrieben?“ Er schien sich tatsächlich nicht sicher zu sein.
„Das hätte ich dir übelgenommen“, sagte Dorothea mit einem leisen Lachen in der Stimme. „Wer weiß, ob ich dann auf dich gewartet hätte. Nein, dreimal hast du mir aus Rom geschrieben. Der zweite Brief war ein sehr langer. Du warst ganz begeistert von den Vorlesungen und schriebst, du wüsstest bereits genau, worüber du promovieren würdest.“
Der Professor lachte. „Und ich habe ja dann tatsächlich -. Aber da siehst du, was für ein Liebesbriefschreiber ich war. Gewiss habe ich dich gelangweilt, und du hast kaum etwas von dem verstanden, was ich dir geschrieben habe.“
„Leicht zu verstehen war es nicht“, sagte Dorothea. „Ich musste mir ein paar Bücher aus der Bibliothek besorgen. Aber uninteressant? Nein uninteressant war es nicht. Am Ende verstand ich recht gut, was dich so begeisterte.“
„Du hast dir Bücher aus der Bibliothek -? Donnerwetter! Das hast Du mir nie gesagt. Wohl damit ich dummer Kerl mir nichts darauf einbildete. Auch wenn ich mich nicht genau erinnere, was ich dir damals schrieb, so war es doch sicher ein Brief, den ich an einen Kommilitonen hätte schicken sollen. Dir hätte ich Anderes schreiben sollen. Ich habe oft an dich gedacht in Rom. Ich glaube, ich war ziemlich verliebt damals. Nur mit den Briefen haperte es.“

Vom Hocken vor dem Ofen taten Dorothea die Knie weh, und sich den Schmerz verbeißend ließ sie sich auf den Boden nieder. Ihr Gesicht aber, jetzt noch dichter vor dem Ofenloch, glühte wie das eines jungen Mädchens, und sie hätte selbst nicht zu sagen gewusst, ob es nur von der Hitze der Flammen kam. „Immerhin“, sagte sie, „hast du mir den Heiratsantrag in einem Brief gemacht.“
„Ich gebe es ungern zu“, entgegnete der Professor, „aber das wird wohl aus Feigheit geschehen sein.“
„Du gibst es ungern zu?“ Dorothea warf einen weiteren Brief in die Glut. „Damals hast du es mir freimütig geschrieben. Du schriebst, dass du dir so lächerlich vorkämst, weil du noch nichts vorzuweisen hättest als die Aussicht auf eine Dozentenstelle, und dass du dir nicht vorstellen könntest, ich würde etwas anderes tun, als dich auslachen. Das aber würdest du nicht ertragen. Du wolltest beim Reiterdenkmal auf mich warten, und wenn ich deinen Antrag weder jetzt noch später annehmen wollte, so sollte ich einfach nicht zum Treffen kommen. Du würdest meine Antwort dann schon verstehen. Das war ganz schön leichtsinnig von Dir, mein Lieber.“
„Leichtsinnig, inwiefern?“
„Stell dir vor, ich wäre an jenem Tag krank gewesen oder hätte deinen Brief gar nicht erhalten. Tatsächlich aber warst nicht du es, der wartete. Ich musste auf dich warten. Ganze zehn Minuten kamst du zu spät zu dieser wichtigen Verabredung.“
„Ich sage doch, ich war ein feiger Hund“, sagte der Professor fast ärgerlich. „Ich erinnere mich. Ich kam mit Absicht zu spät. Hättest Du nicht dort gestanden, ich hätte kehrt gemacht, noch bevor ich das Denkmal erreichte.“
„Du hättest ruhig pünktlich sein können“, sagte Dorothea mit gespieltem Vorwurf. „Ich war – ebenfalls mit Absicht – zehn Minuten vor der Zeit dort, damit du keine Qualen leiden musstest.“

Der Professor schwieg, Dann räusperte er sich. „Jedenfalls habe ich dir dann sicher erst aus Wien wieder geschrieben. Da hatten wir den Hochzeitstermin schon festgesetzt, nicht wahr?“
Dorothea strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihre Wangen glühten tatsächlich. „Ja, richtig. Aus Wien. Du warst so enttäuscht, dass Du die Dozentenstelle nicht bekommen hattest. Aber du wolltest dir deine Enttäuschung nicht anmerken lassen. Über die Absage verlorst du kaum zwei Sätze. Dann schriebst du, dass die Reise dennoch kein Fehler gewesen sei. Und du schildertest mir die Sehenswürdigkeiten der Stadt, die Menschen dort.“
„Weil man mir die Absage nicht gleich erteilt hatte. Drei Tage ließ man mich auf die Entscheidung warten. Geradezu unverschämt. Und in den drei Tagen lief ich in Wien herum und stellte mir vor, dass wir beide dort leben würden. Ich bin sicher, es hätte dir gut gefallen.“
„Ja, das hätte es vermutlich“, sagte Dorothea. „Aber wie es gekommen ist, haben wir es ja auch nicht schlecht getroffen. Im Leben läuft nicht immer alles glatt. Doch wir können uns nicht beklagen.“
Wieder entstand eine Pause. In Dorotheas Hand verblieben noch drei Briefe.
„Als du das Kind verloren hast“, begann der Professor schließlich, „darüber konnte ich einfach nicht mit dir sprechen. Davon verstehen wir Männer auch nicht genug. Du warst so traurig. Ich kannte dich kaum wieder. Und ich hatte wohl ein schlechtes Gewissen, weil ich es weniger tragisch nahm als du.“
Dorothea nickte langsam. „Ja, du sagtest, dass, wenn der Arzt Recht behielte und ich keine Kinder mehr bekommen könnte, wir ja eines adoptieren könnten, wenn ich mir sosehr ein Kind wünschte.“
„Ja, etwas in der Art sagte ich wohl“, gab der Professor zu. „Und dann merkte ich, wiesehr ich dich damit verletzt hatte.“
„Verletzt? Nein“, widersprach Dorothea, „ich konnte ja selbst nicht darüber sprechen. Aber – und darin hast du Recht – ich dacht wohl, dass auch wenn ich es gekonnt hätte, du mich nicht ganz verstanden hättest. Zum ersten Mal nicht verstanden. Aber dann schriebst du mir diesen Brief. Du hattest einen der bekanntesten Gynäkologen konsultiert, dafür gesorgt, dass mein Arzt ihm einen Bericht schickte, und schriebst, dass eine kleine Hoffnung bliebe. Aber das war nicht das Wesentliche. Viel wichtiger war, dass du mit deiner Mutter gesprochen hattest. Du hattest mir oft gesagt, dass du ein eher kühles Verhältnis zu ihr hattest, und nie war mein Eindruck ein anderer. Es muss dich Überwindung gekostet haben, das Gespräch mit ihr zu führen, noch dazu über diesen Frauenkram. Übrigens dachte ich damals auch, dass ich ihr eigentlich als Schwiegertochter nicht recht wäre. Aber sie hat etwas sehr Kluges gesagt, etwas, das mich damals vollkommen überraschte. Sie sagte, und das schriebst du mir, dass es zwar sehr bedauerlich wäre, wenn wir keine Kinder bekommen könnten, aber dass sie in unserem Fall ganz sicher wäre, wir würden darüber hinwegkommen, weil wir einander genügten. – Sie hat Recht behalten.“

Der Professor brummte zustimmend. Dann sagte er: „Aber du musst zugeben, dass keiner dieser Briefe das war, was man einen Liebesbrief nennt. Nie habe ich dir zärtliche Dinge geschrieben. Nicht wie schön deine Augen sind, wie schön dein Haar. Nichts von Sehnsucht.“
Dorothea lächelte. „Nun, immerhin im letzten Brief, in dem, den du mir ins Lungensanatorium geschrieben hast, sagtest du, das leere Bett neben dir würde dich stören, und du würdest dich darauf freuen, mir wieder gute Nacht sagen zu können.“
„Wenn du das gelten lassen willst“, sagte der Professor mit leicht ironischem Unterton. „Wenn du mich fragst: Jeden dieser Briefe hätte ich an eine Verwandte oder einen Freund schreiben können.“
Dorothea hatte beobachtet, wie der letzte Brief von den Flammen verzehrt wurde. Nun erhob sie sich etwas mühsam und wandte sich ihrem Mann zu, der auf der Tischkante saß, das blaue Seidenband gedankenverloren noch immer in der Hand. „An wen denn zum Beispiel?“ fragte sie.
„Du liebe Güte, was weiß ich. Wem hätte ich all das schreiben sollen? Du weißt doch, dass ich eigentlich nur die Briefe schreibe, die ich aus Berufsgründen schreiben muss.“
„Und gerade deshalb“, sagte Dorothea, die nun vor ihm stand und ihm, da er halb saß, gerade in die Augen sehen konnte, „genau deshalb sind es eben doch Liebesbriefe.“
Er senkte den Blick auf das Band, das er hielt. „Du hast zur Hochzeit ein Weißes getragen, oder irre ich mich?“
„Du irrst dich. Ich trug kein Band im Haar, sondern eine Kamelienblüte.“
Sein Blick ging an ihr vorbei in die Ferne. „Richtig. Wie konnte ich das vergessen? Eine zartrosa Kamelienblüte. Und du trugst sie -“ Der Blick kehrte zu ihr zurück, und in seinen Augen stand jetzt ein Lächeln. „Du trugst sie auf dieser Seite.“ Unwillkürlich hob er die Hand zu ihrer Schläfe und strich ihr dann mit dem Fingerrücken über die noch erhitzte Wange.
„Ja“, sagte Dorothea, „ich trug sie links.“

© Christa Hartwig

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