Ein Mensch, mit Daunen zugedeckt,
von seinem Wecker wird geweckt,
worauf er sich dem Bett entwindet,
den Schlafrock sucht, jedoch nicht findet
und, wendend des Kalenders Blatt,
bemerkt, dass er Termine hat.

Der Mensch, dem Pünktlichkeit viel gilt,
ist einzuhalten sie gewillt.
Allein, an eben diesem Morgen
bereitet eben dies ihm Sorgen,
denn was nur dazu in der Lage,
das stellt sich quer und wird zur Plage.

Der Mensch, auf Kaffee stets versessen,
hat einzukaufen ihn vergessen.
Es tropft die Erdbeermarmelade
aufs Chemisett, und das ist schade,
denn seiner Zugehfrau „zum Dank“:
Es liegt kein saubres Hemd im Schrank.

Endlich tritt er ins Treppenhaus.
Die Türe zu! Den Schlüssel raus?
Vergeblich klopft er seine Taschen,
nestelt an Knöpfen und an Laschen,
bis eisig durch den Sinn ihm ’s fährt,
es scheint, er hat sich ausgesperrt.

Es gilt ihm gleich, er hastet los,
doch abermals droht Ärger groß.
Er käm’ zur Zeit, hätt’ nicht indessen
den BVG-Streik er vergessen.
Der Schlüssel für die Fahrradkette
liegt in der Wohnung. Jede Wette!

Er läuft geschwinder als ein Hase
und sieht erfreut vor seiner Nase
Menschen aus einem Taxi steigen.
Will endlich sich das Glück ihm zeigen?
Schon sinkt die Laune in den Keller,
als deutlich wird, jemand läuft schneller.

Bevor er ganz den Mut verliert,
ein Nachbar, der motorisiert,
ihm winkt vom andern Straßenrand.
Er nimmt die Beine in die Hand.
Da lösen sich des Schuhbands Schleifen.
Es wird gehupt, es quietschen Reifen.

Nur einen Rat will ich noch geben:
Mensch, nimm dir Zeit und nicht das Leben.

© Christa Hartwig

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