Ich durfte sie Bille nennen,
und Jens war dein Schulkamerad.
Durch sie lernten wir uns kennen.
Da waren wir siebzehn grad.
Wir sind zusammen geblieben,
du und ich, Sybille und Jens.
Zwei Paare, zwei junge Lieben,
wie es schien, im ewigen Lenz.

Du wolltest Bankkaufmann werden.
Jens studierte Tiermedizin.
Er war so verrückt nach Pferden,
wollte zur Hofreitschule nach Wien.
Sybille ging ans Theater –
sie hatte ja wirklich Talent –
und ich in die Firma von Vater,
wo man heut noch die Tochter mich nennt.

Sie ließen sich kirchlich trauen.
Sybille so schön, ganz in weiß.
Wir fingen an zu bauen.
Ich weiß noch, der Sommer war heiß.
Wir zogen ins Haus und Sybille
bekam Jonas, ihr erstes Kind.
Es war wohl ein höherer Wille,
dass wir seine Paten sind.

Im Jahr drauf ist Jens’ Vater gestorben,
und mit dem ererbten Geld
hat Jens eine Praxis erworben.
Schließlich war Wien nicht die Welt.
Wir lebten einfach zusammen.
Einen Trauschein brauchten wir nicht.
wir waren jung und schwammen
im Glück und flogen ins Licht.

Sybille war wieder schwanger.
Die Mietwohnung wurde zu klein.
Ein Reihenhäuschen am Anger.
Noch mal wollten wir nicht Paten sein.
Wir sahen uns nur noch selten.
Ich weiß noch, du sagtest zu mir:
Inzwischen trennen uns Welten.
Die Beiden sind anders als wir.

Und wenn wir uns dann mal trafen,
schien alles in Ordnung zu sein.
Nur die Freundschaft war eingeschlafen,
und wir mischten uns nicht gern ein.
Wir hörten, die Praxis lief mäßig.
Du verschafftest Jens einen Kredit.
Banken sind nun einmal gefräßig.
Du weißt es. Das ist dein Gebiet.

Jens konnte die Raten nicht zahlen.
Du setztest dich noch für ihn ein.
Aber die Mühlen die mahlen,
und wer drin steckt, wird ganz schnell klein.
Jens schloss die Praxis und machte
dann gleich seinen Taxischein.
Es war wohl so, dass er dachte,
das brächte mehr Geld herein.

Mit Sybilles Schauspielkarriere,
bei zwei Kindern war erst mal Schluss.
Sie empfand, dass sie glücklich wäre,
wohl weil man’s als Mutter sein muss.
Ich traf sie zufällig beim Einkauf.
Jens fahre bis spät in die Nacht.
Bis er heimkam, blieb sie stets auf.
Sie sagte, dass ihr das nichts macht.

Als ich dir davon erzählte,
da sah ich es dir sofort an.
Da war etwas, das dich quälte.
Die Frage, nicht ob, sondern wann.
Sie würden das Haus verlieren.
Sie halten zusammen, sagte ich dir.
Mir ging das nicht so an die Nieren.
Sie waren doch anders als wir.

Es kam, wie es kommen musste.
Jens kämpfte, doch er verlor.
Was niemand von uns wusste,
er hatte Schreckliches vor.
Erschoss erst Bille dann die Kleine.
Jonas hatte er zur Schule gebracht.
Er hat ihn, wie ich meine,
zu seinem Vermächtnis gemacht.

Seite an Seite begraben
mit seiner Frau, seinem Kind,
dass wir das durchgesetzt haben,
ist was wir ihm schuldig sind.
Wir haben heiraten müssen,
und haben nun einen Sohn.
Und wenn wir zur Nacht ihn küssen,
dann denken wir: Fragt er sich schon?

Heut früh bin ich mit dem Jungen
hinauf auf den Aussichtsturm.
Von da oben war Jens gesprungen,
ein Mast, gebrochen im Sturm.
Schau ich heut auf das Menschengewimmel,
so habe ich eines gelernt:
Es ist die Hölle vom Himmel
nur einen Schritt weit entfernt.

© Christa Hartwig

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