Das Österreichische Kulturforum Berlin gibt eine Broschüre mit dem Titel „Kosmos Österreich“ heraus, welche regelmäßig meinem ehemaligen Chef zugeschickt wird. Die ihn nicht mehr erreichende Post landet auf meinem Schreibtisch, und nachdem ich Hunderte von Karten, Briefen und Emails geschrieben habe, um Gott und die Welt zu bitten, sie mögen ihren Verteiler ändern, habe ich strikte Anweisung, alles, was nicht nach einem persönlichen Schreiben aussieht, einfach wegzuwerfen. Dass die oben erwähnte Broschüre statt im Papierkorb, in meiner Handtasche landete, ist dem Umstand zu schulden, dass sie sich bei Entnahme aus dem Umschlag aufgeblättert hatte, und einen besonders ansprechenden Eindruck machte. Und als ich neulich in der Bahn nichts anderes zu lesen hatte, fiel mir das Heftchen wieder ein.

Aus dem Editorial möchte ich hier eine Passage zitieren:

…
Die Wissenschaft hat nachgewiesen, dass die ersten Jahre unseres Lebens die Trasse legen, innerhalb der wir uns weiterbewegen. Sie erzeugen die fundamentalen Glaubenssätze für unsere heimliche Definition vom Regelwerk der (eigenen) Welt. Einer Welt, die uns erschaffen hat und die wir, offenbar nach einem Prinzip der Ähnlichkeit weiter zu erschaffen geneigt sind. Bezugspunkt und Basis sind, ob gut oder schlecht, die frühen fundamentalen Erfahrungen. Geborgenheit ja oder nein? Ist der Blick vertrauensvoll und selbstsicher, weil das Zuhause Sicherheit, Geborgenheit und Unterstützung geboten hat? Oder richtet er sich auf eine Welt voll Angst, Zweifel und Barrieren, weil die erlittenen Verwundungen schon so früh so groß gewesen sind, weil Heim oder Umwelt ein Ort des Schreckens und der Unberechenbarkeit waren? Gibt es so etwas wie eine ursprüngliche Wunde, ein Hauptthema, das im Leben eines Menschen in verschiedenen Facetten wiederkehrt? Es lohnt die Mühe, diese Verletzung sehen zu lernen. Der im vergangenen Jahr verstorbene Wiener Sozialphilosoph André Gorz hat nach 58-jähriger Ehe einen wunderschönen Liebesbrief an seine Frau geschrieben (Brief an D. – Geschichte einer Liebe), in dem er das unsichtbare Band, das ihn und seine Frau von Anfang an vereinte, zu deuten versucht. Er schreibt: „So verschieden wir sein mochten, immer spürte ich, dass uns etwas Fundamentales gemeinsam war, so etwas wie eine ursprüngliche Wunde.“
…
Dr. Theresa Indjein

Kosmos Österreich Nr. 25/2008
Österreichisches Kulturforum Berlin
http://www.kulturforumberlin.at/

Eines der Geheimnisse einer Beziehung mag jedoch sein, einander seine Wunden zeigen zu können, es nicht bereuen zu müssen, sondern Linderung zu erfahren.

 

Advertisements