Manchmal könnte man meinen, ein Buch sei nicht einfach von einem Autor geschrieben worden, sondern regelrecht vom Himmel gefallen. Nicht, weil es so überraschend auf dem Büchermarkt erscheint, sondern weil in ihm etwas zum Ausdruck kommt, was – mehr als andere Bücher zu recht gelobter Autoren – viele Menschen bewegt und im Innersten berührt.

Ein solches Buch ist, nicht nur meiner Meinung nach, sondern auch der vieler Freunde und Kollegen, der bereits vor zwei Jahren erschienene Roman „Die Geschichte der Liebe“ von Nicole Krauss, einer Autorin, von der ich zuvor noch nichts gelesen, ja, ehrlich gesagt, nicht einmal gehört hatte, nun aber in meinem Dunstkreis beobachte, dass wo immer dieses Buch jemandem in die Hände fällt, er es weitergibt oder –empfiehlt und sich in Folge schnell ein neuer kleiner Kreis begeisterter Leser bildet.

In einer Rezension in der FAZ hieß es: Ein außergewöhnlicher Roman, lebensprall, klug und poetisch, von eigenwilligem Charme, staunenswerter Anschaulichkeit und gesegnet mit einem zärtlichen Humor.

Bei Perlentaucher findet sich eine Übersetzung des Klappentextes aus dem Amerikanischen:
Die Hauptrolle in diesem Roman spielt ein Manuskript, betitelt „Die Geschichte der Liebe“. Vor über 60 Jahren schrieb Leo Gursky es im polnischen Slonim, als Zeichen seiner Zuneigung und Treueschwur für die Frau seines Lebens. Doch in den Wirren des Zweiten Weltkriegs wurden die Liebenden getrennt, das Buch ging verloren. Heute ist Leo achtzig, so gebrechlich, dass er sich unsichtbar fühlt, und jeden Abend klopft er an die Heizung seines New Yorker Apartments, um seinem Nachbarn kundzutun, dass er noch atmet. Leo weiß es nicht, doch das Buch überstand den Holocaust…
http://www.perlentaucher.de/buch/22132.html

In der Hoffnung, dadurch die Fackel der Begeisterung an mindestens einen Leser weiterzugeben, hier eine kleine Probe:

Wenige Tage nach dem Konzertbesuch trafen sie sich im Park und machten ein Picknick. Dem folgte eine Fahrradtour am nächsten Sonntag. Bei der siebten Verabredung sahen sie sich einen Film an. Als er vorbei war, brachte Litvinoff Rosa nach Hause. Sie standen noch zusammen und diskutierten über Grace Kellys Schauspielkunst versus ihre unglaubliche Schönheit, da beugte Rosa sich urplötzlich vor und küsste ihn. Zumindest versuchte sie, ihn zu küssen, aber der darauf nicht vorbereitete Litvinoff zuckte zurück und ließ sie, gefährlich kippelnd, mit ausgestrecktem Hals in der Luft hängen. Die ganze Nacht hatte er das Auf und Ab der Entfernungen zwischen ihren verschiedenen Körperteilen mit wachsendem Vergnügen überwacht. Aber die schwankenden Ausschläge waren so geringfügig gewesen, dass ihn dieser plötzliche Ansturm von Rosas Nase fast zum Weinen brachte. Als ihm sein Fehler bewusst wurde, streckte er den Hals blindlings in den Abgrund vor. Aber da hatte sich Rosa, aus Schaden klug geworden, bereits auf sicheres Gebiet zurückgezogen. Litvinoff hing in der Schwebe. Lange genug, dass ihm ein Hauch von Rosas Duft die Nase kitzelte, dann trat er schleunigst den Rückzug an. Oder er begann, schleunigst den Rückzug anzutreten, als Rosa, die kein Risiko mehr eingehen wollte, mit gespitzten Lippen auf das umkämpfte Terrain vorstieß, einen Moment die ihr anhaftende Nase vergessend, die ihr aber bereits den Bruchteil einer Sekunde später wieder einfiel, als sie in dem Augenblick mit Litvinoffs zusammenstieß, da seine Lippen auf ihre trafen, sodass sie mit dem ersten Kuss Blutsverwandte wurden.

Cover

Nicole Krauss
Die Geschichte der Liebe
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2005
ISBN 3498035231

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