
Stahl: Watermelon
Der Zauber, den Curcubitella auf die prachtvolle Melone gelegt hatte, wirkte fort und fort, doch geschah dies so unmerklich, dass die davon Betroffenen zu keiner Zeit glaubten, es gehe etwas nicht mit rechten Dingen zu.
Jahre vergingen. Das Mädchen und der Junge aus dem Kinderheim wuchsen heran.
Zwar waren sie, nachdem man sie bei der Rückkehr von ihrem heimlichen Ausflug erwischt hatte, von den Erziehern mit besonderer Aufmerksamkeit beobachtet worden, doch gelang es ihnen hin und wieder, dem Heim und der Aufsicht zu entfliehen. Dann liefen sie auf den Markt, und nie ließ der Obsthändler es sich nehmen, ihnen von den Früchten der Saison zu schenken. Er hatte die Beiden ins Herz geschlossen, und eines Tages sagte er zu seiner Frau: „Ich verwette meine Lieblingsmütze darauf, dass die Zwei ein Paar werden.“
Vier Jahre, nachdem er dem Mädchen das Achtel von der prachtvollen Melone geschenkt hatte – es war wieder Sommer, schenkte er ihnen ein ganzes Viertel von einer, wenn auch kleineren, Melone. Und wie sie im Schatten der Linde beide davon aßen, küssten sie sich zum ersten Mal, denn dazu bedurfte es nicht des Zaubers einer Fee. Es genügten die Jugend und der Sommer, um den Zauber des ersten Verliebtseins zu bewirken.
Der Maurer hatte sich als so tüchtig und geschickt erwiesen, dass er am Ende der Saison fest bei der Baufirma unter Vertrag kam. Der Student aber war zu seinen Büchern und ans Zeichenbrett zurückgekehrt, hatte sein Studium mit Auszeichnung abgeschlossen, und sein Vater hatte ihm geholfen, sich ein eigenes Architektenbüro einzurichten. Als er seine erste große Ausschreibung gewann, sagte der Bauherr zu ihm: „Ich bin nicht zufrieden mit dem hiesigen Bauunternehmen, seit der alte Polier im Ruhestand ist. Denn statt ihrem tüchtigsten Mann den Posten zu geben, haben sie ihn dem Schwiegersohn des Inhabers zugeschanzt, der nichts kann und nichts weiß. Mir wäre es lieber, wenn du eine eigene Firma gründest. Warum holst du dir dazu nicht den Besten, den du kriegen kannst als Bauleiter? Tust du es, so bleiben wir im Geschäft.“
Und wie es sich herausstellte, war eben jener tüchtige Mann, von dem der Bauherr gesprochen hatte, kein anderer als der Maurer, der mit dem ehemaligen Studenten seine Melone geteilt hatte, und alles fügte sich vortrefflich.
Nicht so glücklich war der Notar dran. Es erging ihm wie allen Menschen, deren Herz verschlossen bleibt, wenn der Zauber einer guten Fee sie berührt. Das Glück mit seiner neuen Frau war nicht von Dauer. So wie sie sich nie Gedanken darüber gemacht hatte, als der Notar ihretwegen Frau und Kinder verließ, so bedenkenlos verließ sie ihn, als ihr ein anderer Mann besser gefiel.
Das Notariat lief gut, denn der Notar galt in der ganzen Stadt als sehr tüchtig, und alle kamen zu ihm, wenn es galt, Verträge zu schließen oder den Nachlass zu regeln. So schloss er auch den Vertrag zwischen dem Architekten und seinem Bauleiter, als der Architekt seinen Freund zum Teilhaber der Firma machte. Privat jedoch bereute er manches, fasste jedoch nicht den Mut, bei seiner geschiedenen Frau Abbitte zu leisten, sondern vergrub sich ganz in seiner Arbeit und war verbittert, wenn er über sein Leben nachdachte.
So kam zu ihm ins Notariat eines Tages auch ein junges Paar, das demnächst heiraten wollte, um einen Ehevertrag zu schließen. Es waren jene beiden jungen Menschen, die miteinander im Kinderheim aufgewachsen waren, dann die Schule beendet und einen Beruf erlernt hatten. Das Mädchen war Schneiderin geworden und träumte davon, eines Tages ihr eigenes Modeatelier zu haben. Der junge Mann aber hatte den Beruf des Eisenflechters ergriffen und bald genug Geld verdient, um eine Wohnung einrichten und eine Familie gründen zu können.
„Wir haben beide keine leichte Jugend gehabt“, sagte der junge Mann, „und schon als Kinder böse Erfahrungen gemacht, weil wir keine guten Eltern hatten. So möchten wir nun alles so regeln, dass es unseren eigenen Kindern nicht genauso ergeht.“
Der Notar hätte manches über Verantwortung und Verträge zu sagen gewusst, doch wurde er über diese Visite plötzlich ganz schwermütig, und als das junge Paar wieder gegangen war, schloss er das Notariat für den Rest des Tages, setzte sich in ein Straßencafé und hing seinen trübsinnigen Gedanken nach. Da sah er plötzlich auf der anderen Straßenseite jene hübsche Frau gehen, um deretwillen er vor Jahr und Tag seine Frau und die Kinder verlassen hatte. Sie war in Begleitung eines wohlhabend aussehenden Mannes, der die Tüten mit den gerade in Modegeschäften getätigten Einkäufen trug. Sie selbst aber trug ein Kleid mit schwingendem Rock, das auf schwarzem Grund mit leuchtenden Melonenscheiben bedruckt war.
In diesem Moment erinnerte sich der Notar an den Tag, an dem er geglaubt hatte, seiner Frau einen Gefallen zu tun, indem er das Finanzielle aufs Großzügigste geregelt hatte. Er erinnerte sich ihrer Traurigkeit, und dass sie das Stück Melone kaum heruntergebracht hatte, während er selbst noch wusste, dass es wohl die köstlichste Melone gewesen war, die ihm je vorgesetzt wurde. Nun aber, in der Erinnerung, vermischte sich der süße Geschmack mit dem bitteren seiner Einsamkeit. Dass er seine Kinder nur zu den Geburtstagen und zu Weihnachten sah, und deshalb nicht stolz darauf sein durfte, dass sie zu wunderbaren jungen Menschen heranwuchsen, schien sein Lebens eines tieferen Sinnes zu berauben. Und da waren der Schmerz und das Gefühl von Verlust so groß, dass er sich entschloss, seinen dummen Stolz zu überwinden. Er winkte dem Kellner, bezahlte den Aperitif, auf den er versucht hatte den bitteren Geschmack in seinem Mund zu schieben, lief in den nächsten Blumenladen, erstand das prächtigste Gebinde von Rosen und Lilien, das dort ausgestellt war, kam sich damit noch lächerlicher und erbärmlicher vor und stand trotzdem bald darauf vor der Tür seiner geschiedenen Frau. Die kannte ihren ehemaligen Gefährten noch gut genug, um den Ausdruck in seinem Gesicht und die Blumen richtig zu deuten. Zwar sagte sie nichts, sondern erkundigte sich nur freundlich, es sei ihr zugetragen worden, wie gut das Notariat lief, doch keine Stunde später hielt sie den Vater ihrer Kinder in den Armen und sprach: „Du törichter Kerl, warum bist du nicht früher gekommen? Ich habe doch darauf gewartet.“
Bald darauf gab es eine Hochzeit in der Kirche am Marktplatz.
Der Organist war mit den Jahren immer öfter gebeten worden, zu den Gottesdiensten die Orgel zu spielen, denn der alte Organist war von der Gicht befallen, und sein Orgelspiel kein Ohrenschmaus mehr. So spielte er auch zu dieser Hochzeit.
Er selbst war unbeweibt und hatte sich so der Kunst hingegeben, dass er ganz vergaß, auf Brautschau zu gehen. Üblicherweise war es ihm einerlei, ob er zu einer Hochzeit, einer Kindstaufe oder einer Vesper die Orgel spielte, diesmal aber schaute er von der Orgelempore hinunter, als das junge Paar einander das Ehegelöbnis gab. Und just als sie einander küssten, brach die Sonne durch den bewölkten Himmel, und ein Strahl fiel durch das bunte Kristall der Kirchenfenster und tauchte das Paar in ein hellrotes Licht. Da berührte etwas das Herz des Organisten, wie damals beim Anblick der prächtigen Melone. Er konnte nicht widerstehen. Als es galt, den Hochzeitsmarsch zu spielen, da spielte er nicht von dem Blatt, das er bereits auf den Notenständer gelegt hatte, sondern spielte jenen von ihm selbst komponierten Hochzeitsmarsch, den er in der leeren Kirch so oft geübt hatte, dass es keiner Noten bedurfte. Und den beiden jungen Menschen war es, als würde die Musik sie an alles erinnern, was sie miteinander erlebt hatten, beginnend mit dem Augenblick, als sie das erste Mal ein Stück Melone miteinander aßen, und gleichzeitig, als würde die Melodie sie in eine wunderbare Zukunft führen wollen. Wie von den Klängen der Orgel getragen, schritten sie aus der Kirche hinaus in den Tag, der hell und freundlich geworden war.
Vor der Kirchentür nahmen sie die Glückwünsche der Gäste entgegen. Zur Hochzeit hatten sie alle eingeladen, die ihren Lebensweg irgendwann begleitet hatten, natürlich auch den Obsthändler, als ihren ältesten Freund, aber auch die Erzieherinnen aus dem Kinderheim, so oft sie sich auch über sie geärgert hatten, den Notar, der ihnen den Vertrag aufgesetzt hatte, nebst Gattin, und der junge Mann hatte seine Chefs zur Hochzeit gebeten. Wie sie nun alle vor der Kirche standen und warteten, bis der Fotograf genug Aufnahmen gemacht hatte, trat als Letzter der Organist aus der Kirche.
„Liebster“, sagte die Braut, „hol doch den Organisten einmal her. Er hat so schön gespielt, dass ich ihn auch gerne zur Feier einladen möchte.“
Und wie das Brautpaar und die anderen Gäste dann erfuhren, dass der Organist zum ersten Mal seine eigene Komposition öffentlich gespielt hatte, da waren sie voll des Lobes für das Werk und ermutigten ihn, doch bald einmal ein Konzert zu geben.
In diesem Geiste ging es während des ganzen Festes weiter. Alle waren bester Dinge, es wurden neue Freundschaften geknüpft und alte vertieft, und die Hochzeit würde allen in bester Erinnerung bleiben. Schließlich sagte der Architekt sogar, dass, sobald das junge Paar das Geld zusammen hätte für den Bau eines eigenen Häuschens, wäre es ihm eine Freude, die Pläne dazu als nachträgliches Hochzeitsgeschenk zu liefern.
Während es sich die Hochzeitsgesellschaft gut gehen ließ, schlich Curcubitella durch die Wohnung des jungen Paares. Nach Feenart war sie mühelos hinein gelangt, nun aber fand sie nicht gleich, was sie suchte. „Wo hat sie sie nur gelassen?“ murmelte sie. „Ich bin sicher, dass sie sie nicht fortgeworfen hat.“ Und schließlich entdeckte sie ganz hinten in einer Schublade zwischen den Taschentüchern doch das Gesuchte: Ein zusammengeknotetes Kindertaschentuch.
Als das Mädchen und der Junge damals die verzauberte Melone aßen, da hatte das Mädchen die Kerne in die Hand gespuckt. Als hätte sie damals schon geahnt, dass dieser Moment von großer Bedeutung war, hatte sie sie nicht weggeworfen, sondern als Erinnerung aufgehoben, in ihr Taschentuch geknüpft, und all die Jahre hindurch aufbewahrt. Inzwischen mochte sie an dieses Souvenir nicht mehr denken, doch Curcubitella war entschlossen, sie wieder daran zu erinnern. So befreite sie das Taschentuchbeutelchen aus seinem Versteck und legte es zwischen die Wäsche der jungen Frau, wo es zweifellos bald gefunden werden würde.
Tatsächlich entdeckte die Frischvermählte das Kindertaschentuch schon am übernächsten Tag. Vorsichtig löste sie den Knoten und betrachtete mit einem zärtlichen Lächeln die ganz vertrockneten Melonenkerne. Die werden wohl nicht mehr keimen, dachte sie, aber einen Versuch will ich trotzdem machen.
Sie pflanzte die Kerne in das winzige Gärtchen, das zur Wohnung gehörte, und das Wunder geschah. Bald spross das Grün aus dem Erdreich, und es dauerte nicht lange, da rankte es, Früchte begannen sich zu bilden und wuchsen zu Melonen heran. Die Früchte aus den Kernen einer verzauberten Melone aber tragen denselben Zauber, der auf der Frucht lag, der die Kerne entstammen, und mit den Kernen aus diesen Früchten verhält es sich ebenso. Es sind seither die verzauberten Melonen aus der Welt nicht mehr wegzudenken, und die Menschen, die gemeinsam von einer solchen Melone essen, werden einander stets verbunden bleiben, sei es in Freundschaft oder Liebe, oder nur durch die Erinnerung an einen schönen Sommer.