Mitbringsel aus Mexiko, 15.10.2009

Mitbringsel aus Mexiko, 15.10.2009

Im Gegensatz zu uns, die wir der Toten eher still gedenken und von der Idee, ihre Geister könnten noch auf der Erde unterwegs sein, beunruhigt, ja, erschreckt werden, feiert man die Rückkehr der Toten in Mexiko jedes Jahr mit einem fröhlichen Fest, dessen Bedeutung mit der von Halloween nicht verwechselt werden darf.

Lt. WIKIPEDIA beginnen die Festvorbereitungen Mitte Oktober, und so hat Plinio mir auch schon jetzt einen Totenkopf aus Schokolade von dort mitbringen können. Das eigentliche Fest wird vom 31. Oktober bis zum 2. November gefeiert und wurde 2003 von der UNESCO in die Liste der „Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“ aufgenommen.

Auf uns mag es befremdlich wirken, denn die Mexikaner tabuisieren den Tod nicht, wie es bei uns üblich ist. Sie betrachten ihn nicht als etwas, wovor man sich fürchten muss, sondern als zum Leben gehörig – etwas, dem wir alle früher oder später begegnen. Die Tatsache, dass in Mexiko christliche und indianische Kultur in engste Berührung gekommen sind, mag dieser Einstellung förderlich gewesen sein. Da aber auch dort die Menschen um einen verlorenen Angehörigen oder Freund trauern, und da ihre Priester ihnen auch keine konkreteren Verheißungen geben können als unsere uns, sind sicher auch die Mexikaner nicht ganz frei von der Furcht vor dem Unbekannten, und sie wappnen sich dagegen mit Ironie. Zum Fest der Toten sieht man überall Skelette aus Pappmaché, Gips oder Zucker. Sie sitzen an Tischen, essen trinken, spielen Gitarre…. kurz, sie ignorieren die Tatsache, dass sie tot sind, und in den Geschäften werden Süßigkeiten in Form von Schädeln und Särgen verkauft. Aber auch das liebevolle Gedenken findet seinen Raum. In den Wohnungen und an öffentlichen Plätzen errichtet man die Ofrendas, Altäre für die verstorbenen Angehörigen, bunt und fröhlich und mit Fotos und Erinnerungsgegenständen geschmückt und mit Speisen und Getränken reichlich gedeckt. Die Toten sollen sich nach ihrer langen Reise stärken, und man will Erinnerungen mit ihnen austauschen.

Dass die Toten am Ende der Erntezeit die Lebenden besuchen, ist ein altmexikanischer Glaube. Niemandem gruselt es bei diesem Besuch aus dem Jenseits, sondern man feiert gemeinsam mit ihnen ein fröhliches Wiedersehen mit Musik, Tanz und gutem Essen. Der Brauch ist so alt, dass in vorspanischer Zeit die Azteken sogar ihren Feinden einen Or t gewährten, an den die Geister zurückkehren konnten. Dort wurden die Schädel als Gefäß für die Geister ordentlich aufgereiht. Spanische Missionare versuchten vergeblich, das Fest abzuschaffen. Immerhin erreichten sie eine Zusammenlegung der Feiern mit den christlichen Feiertagen Allerheiligen und Allerseelen, und damit schufen sie die besten Voraussetzungen für das Verschmelzen der Bräuche. Herausgekommen ist keine
Trauerveranstaltung, sondern ein farbenprächtiges Volksfest zu Ehren der Toten.

Die Straßen und Friedhöfe werden mit Blumen geschmückt, wobei die auffällig orangefabene Cempasuchitl, eine Tagetesart mit großer Blüte, die man auch die Blume mit den 400 Leben nennt, vorherrscht, und in den Türen werden Laternen aufgehängt.

In der Nacht des Hundes zum ersten November wird die Ankunft der gestorbenen Kinder erwartet, der Angelitos, der kleinen Engel. In der Nacht auf den zweiten November steht der Besuch der verstorbenen Erwachsenen ins Haus, und am darauffolgenden Tag verabschiedet man sich von den Verstorbenen auf den Friedhöfen. Auch dies geschieht nicht etwa still und in Trauer. Es werden mitgebrachte Speisen gegessen, man trinkt, musiziert und tanzt, denn wenn es um Mitternacht für die Verstorbenen Zeit ist, wieder ins Jenseits zurückzukehren, weiß man, dass man sich im nächsten Jahr wiedersehen wird.

Können wir etwas daraus lernen? Ich meine, ja.

Wir betrachten den Tod, als wären wir dazu verurteilt – als eine Strafe, von der wir nicht einmal wissen, womit wir sie verdient haben. Tatsächlich aber ist der Tod, bezogen auf unsere in Vergangenheit und Zukunft geteilte Zeit, unsere einzige Gewissheit, und bezogen auf die Natur, wie wir sie kennen, eine Notwendigkeit. Diese Natur aber führt uns täglich den Kreislauf vor Augen, in den auch wir eingebunden sind und der sich nach keinen anderen Gesetzen vollzieht, als der ewige Kreislauf des Ganzen, alles Umfassenden, in dem alles seinen Sinn hat und nichts verloren geht.

gesteck_totensonntag

Evangelisch erzogen, sind meine frühesten Erinnerungen an den Tag, an dem die Protestanten der Toten gedenken, Erinnerungen an Friedhofsbesuche. Auf den Gräbern verstorbener Angehöriger wurden Gestecke niedergelegt. Es folgte ein Spaziergang zwischen Gräberreihen, gemessenen Schrittes und deshalb mit kalten Füßen, was die anschließende Einkehr in eine Gaststätte erforderlich machte. Im Dampf des heißen Tees löste sich die nachdenkliche Stimmung. Ärgerlich nur, dass vom Musikautomaten der Stecker gezogen war. Der Totensonntag war ein stiller Feiertag und das öffentliche Spielen nicht-geistlicher Musik verboten. Da Kinder sich in einem Gasthaus aber früher oder später langweilen, drückte mir dann mein Großvater ein paar Groschen in die Hand, die ich in den nicht lahmgelegten Spielautomaten warf – übrigens ohne deswegen später der Spielleidenschaft zu verfallen.

Das Totengedenken der Protestanten ist – nach Bewältigung der persönlichen Trauer – von Pietät gekennzeichnet. Das Wort stammt vom lateinischen pietas (Frömmigkeit, Pflichtgefühl).ab, und die Friedhofsbesuche am Totensonntag, der von Friedrich Wilhelm III. von Preußen durch Kabinettsorder vom 24. April und Verordnung vom 25. November 1816 für die evangelische Kirche in den preußischen Gebieten auf den Sonntag vor dem 1. Advent festgelegt wurde, erschienen mir immer mehr als eine Pflichtübung als ein Bedürfnis. Dabei habe ich zu Friedhöfen ein gutes Verhältnis, gehe dort gern spazieren, lese die Inschriften auf den Grabsteinen und genieße die Ruhe. Nur eben nicht an solchen Pflichttagen. Ich gedenke meiner Toten lieber im Leben, koche nach Rezepten meiner Großmutter und erinnere mich dabei an unsere Plaudereien in der Küche, denke bei Dampferfahrten an meinen Großvater, der seinen Kopf mit einem an den vier Ecken geknoteten Taschentuch vor der Sonne schützte, habe das Räuspern des Pfeiferauchers noch im Ohr….

Die Toten der Protestanten haben nicht die (lästige aber doch unterhaltsame) Angewohnheit, auf die Erde zurückzukehren. Sie sind (hoffentlich) im Himmel mit (wieder hoffentlich) Wichtigerem beschäftigt: Selig sein – ein Zustand, den ich mir nicht vorstellen kann. Wir sagen ihnen nichts Böses nach, weil man das nicht tun soll, und pflegen ihre Gräber – pietätvoll, bis wie sie irgendwann einebnen lassen, es sei denn, wir haben sie gleich auf einer Wiese beerdigt oder ihre Asche dort verstreut.

Wenn ein Protestant sich auf dem dunklen Weg an einem Kirchhof vorbei gruselt, so nicht, weil das seiner protestantischen Überzeugung entspricht, sondern weil Aberglauben und heidnische Sagen, Geschichten von Untoten und ruhelosen Geistern ihn an seinem braven Glauben bisweilen zweifeln lassen. Gern wüsste er mit Sicherheit Diesseits und Jenseits säuberlich von einander getrennt und die Pforte nur in eine Richtung passierbar. Hier das Erdenleben mit all seinen Lüsten und Qualen, Segnungen und Flüchen, dort Himmel und ewiges Halleluja oder Hölle und ewige Verdammnis. Nur kann sich Himmel oder Hölle niemand so richtig vorstellen, ja, es fängt schon damit an, dass der Mensch keine Vorstellung davon hat, was Ewigkeit bedeutet. Er misst die Zeit in Sekunden, Minuten, Stunden Tagen, Wochen, und schon ein paar Jahre kommen ihm wie eine Ewigkeit vor. Wie lang muss dann die ewige Ewigkeit sein? Und wie bringt man die rum? Doch nicht etwa mit Harfenspiel oder Lobgesängen vor dem göttlichen Thron! Selbst Harfinistinnen können sich das nicht ernsthaft wünschen, sondern möchten mal eine Kaffeepause machen und ein bisschen tratschen, die Frisur richten und den Lippenstift nachziehen…

Chief Seattle

Chief Seattle

Da waren die Indianer Nordamerikas schon besser dran. Ihre Kultur ist geprägt von der Ehrfurcht vor dem Leben und eine tiefe Einsicht in das Eingebundensein in den Kreislauf der Natur. Mit ihren Toten verfuhren sie ähnlich pietätvoll wie andere Kulturen. Meistens begrub man sie, nachdem man ihnen ihre besten Kleider angezogen hatte. Oft war es die Aufgabe eines besonders mutigen Kriegers den Toten zum Bestattungsort zu tragen, und das Ganze vollzog sich unter Wehklagen und Bekundungen der Trauer. Einige Stämme betteten ihre Toten auch erhöht und so vor wilden Tieren sicher zur letzten Ruhe, und auch Verbrennung der Toten und Beisetzung in Urnen war bekannt. Im Gegensatz zu der des Christentums war die indianische Vorstellung vom Jenseits aber eine viel konkretere. Ewige Jagdgründe stellte man sich vor – eine Welt wie die vertraute, nur eben besser. Felder, über die keine Dürre kam, Wälder voller Wild, ein Leben, das keine Krankheit, keine Not und nichts Böses kannte. Wer würde sich nicht gerne vorstellen, dass auf dieses Leben ein weit besseres folgt? Wäre man dessen gewiss, könnte man den Tod kaum erwarten, würde sich ihm gleichsam in die Arme werfen. Möglichst schnell sterben zu wollen aber kann der Sinn des Lebens nicht sein, und so beschrieben auch die Indianer den Weg in die ewigen Jagdgründe als einen, an dem viele Gefahren lauerten und für den man sich besser durch ein entsprechendes Leben vorbereitete. Die Angst vor dem Tod ist etwas allen Menschen Gemeinsames und durchaus nicht Sinnloses – wobei ich mit Sinn hier nicht Berechtigung meine, sondern die sinnvolle Funktion der Angst als etwas, das uns am Leben festhalten lässt.

Was uns mit dem Gedanken an den Tod aussöhnen würde, wäre die Aussicht auf eine Art Wunschprogramm, und etwas in der Art wird denn auch hier und dort verheißen. Ich denke da zum Beispiel an die 72 Jungfrauen für islamistische Märtyrer. Männer, wünscht ihr Euch so was wirklich… selbst wenn es die Belohnung für Lebensrettung statt für ein Selbstmodattentat wäre? Und sollte jetzt ein Männerchor eifrig nicken, so gibt es doch Männer, denen schon vor einer einzigen Jungfrau mehr oder weniger graut. Mit dem Wunschprogramm verhält es sich nämlich so – das kennen wir von den entsprechenden Rundfunk- und Fernsehsendungen, dass man sich immer fragt, wer, zu Teufel, sich das gewünscht hat – jedenfalls niemand, der unseren Musikgeschmack teilt.

Die Angst vor dem Tod ist die Angst vor dem Unbekannten, Ungewissen, über das niemand uns Auskunft geben kann, weil niemand von drüben zurückkommt, um uns zu berichten, wie es da so ist. Den Verheißungen der Religionslehrer trauen wir denn doch nicht so voll und ganz, befürchten eher, dass an ihrer (erzieherischen) Drohung mit Hölle und Verdammnis was dran sein könnte (schlimmer geht’s ja immer) und beneiden in solchen Momenten fast den Atheisten, der davon überzeugt ist, dass mit dem Tod alles vorbei ist, wir also nichts zu befürchten haben, weil nichts von uns übrig bleibt, was die Bewahrheitung solcher Befürchtungen erleben müsste. Aber hat der überzeugte Atheist deswegen weniger Angst vor dem Tod? – Der Atheist wird mir vielleicht antworten, er habe tatsächlich keine Angst vor dem Tod, nur vor dem Sterben vielleicht… Warum auch sollte man sich vor dem Nichts fürchten, vorausgesetzt, dass man sich das Nichts vorstellen kann. Dazu fehlt mir persönlich die Phantasie, und so bleibe ich davon überzeugt, dass auch der Atheist sich lieber eine Leben nach dem Leben, nur eben ein besseres vorstellen würde, wenn ihm dazu nicht…nein nicht die Phantasie, sondern die Beweise fehlen würden. Bewiesen ist einzig, dass der Mensch sterben muss, und das war noch nie anders und auch vor dem „Sündenfall“ nie anders gemeint.

Lucas Cranach der Ältere: Baum der Erkenntnis

Lucas Cranach der Ältere: Baum der Erkenntnis

Adam und Eva wurden aus dem Paradies vertrieben, weil sie vom Baum der Erkenntnis genascht hatten. Mehr als das Erste Buch Mose muss man von der Bibel nicht gelesen haben, um etwas Grundsätzliches, was hier sehr bildhaft und eindringlich dargestellt wird, zu begreifen. Erkenntnis (Wissen) bedeutet den Verlust paradiesischer Unschuld, die Fähigkeit zwischen Gut/Richtig und Böse/Falsch zu unterscheiden. Zum Tode verurteilt wurden sie wegen dieser Unbotmäßigkeit nicht. Sterblich waren sie auch ohne Erkenntnis, denn der zweite Grund, der ihre Vertreibung aus dem Paradies notwendig machte, war, ihnen die Möglichkeit zu nehmen, auch noch vom Baum des ewigen Lebens zu essen. Der unsterbliche Mensch war von Gott, als wen oder was man ihn/sie/es sich auch vorstellt, nie vorgesehen. Die Vertreibung aus dem Paradies der Unschuld bedeutete für den Menschen lediglich, dass er es von nun an schwerer haben würde mit seinem Wissen, seinem Wissen um sein Nichtwissen und seiner Angst.

Genug vom Tod und zurück zu den Toten, denn um sie und unseren Umgang mit ihnen sollte es hier ja gehen. Und da ist es wohl den meisten von uns lieber, über die pietätvolle Entsorgung und das mehr oder weniger liebevolle Gedenken hinaus, gar keinen Umgang zu haben. Ich erinnere mich, wie sich alles in mir wehrte, als
Ich einmal gebeten wurde, als Medium an einer Séance teilzunehmen. Auch meine normalerweise vorhandene Neugier konnte mich nicht dazu bewegen. Niemals! Die bloße Vorstellung, etwas Übernatürliches könnte sich tatsächlich ereignen, oder etwas könnte mir nur übernatürlich vorkommen, selbst wenn ich hinterher eine logische Erklärung dafür fände, verursachte mir eine Gänsehaut. Der Mehrheit dürften sich wohl auch bei der Vorstellung, ein noch so geliebter Verstorbener würde ihnen – egal wie freundlich – als Geist erscheinen, zumindest leicht die Haare sträuben. Den Toten möge es, wenn es ihnen überhaupt irgendwie geht, gut gehen, aber bitte dort, wo sie sind. Uns mögen sie in Frieden lassen.

Dass man darüber auch anders denken kann, zeigt der Día de los Muertos in Mexiko

Fra Angelico: Christ Glorified in the Court of Heaven, 1428-30 - National Gallery, London

Fra Angelico: Christ Glorified in the Court of Heaven, 1428-30 - National Gallery, London

Nachdem wir anhand der Vanitas-Motive den Wandel der Sichtweise auf den Tod als unvermeidliches Ende der irdischen Daseins betrachtet haben, wenden wir uns den Festen und Feiertagen zu, mit denen bei uns und in anderen Kulturen der Toten gedacht wird.

Das Wort Halloween ist eine Zusammenziehung der Worte All Hallows’ Even (Allerheiligenabend), und so wird das Fest am Vorabend von Allerheiligen in der Nacht vom 31. Oktober zum 1. November begangen. Ursprünglich wurde Halloween vor allem in Irland gefeiert, und. ab 1830 gelangte der Brauch durch irische Auswanderer in die USA. Dort entwickelte er sich im Laufe der Zeit neben Weihnachten und Thanksgiving zu einer der beliebtesten Feste.

Der Ursprung des Halloween-Festes wird oft auf keltisches Brauchtum zurückgeführt. Nach keltischem Glauben war es den Geistern der Toten möglich, zum Fest des Totengottes Samhain, das etwa zur selben Jahreszeit gefeiert wurde, Kontakt mit den Lebenden aufzunehmen. Eine andere Zurückführung auf einen nicht-christlichen Ursprung besagt, dass Anfang November, wenn die Felder abgeerntet waren und keine neue Frucht mehr hervorbrachten, die Grenze zwischen dem Reich der Toten und dem der Lebenden durchlässig wurde, und die Seelen der Toten sich auf die Suche nach lebendigen Körpern machten. Um die herumirrenden Seelen zu verwirren, verkleidete man sich und stellte ausgehöhlte Kürbisse, in die man abschreckende Fratzen geschnitzt hatte, als Wächter vor die Häuser. Tatsächlich aber wurde das Allerheiligenfest ursprünglich am 13. Mai gefeiert, und erst Papst Gregor IV. verlegte es endgültig auf den 1. November. Dazu bezweifeln Historiker, dass die Kelten überhaupt einen Totengott namens Samhain hatten, und halten es für möglich, dass mit diesem Wort nur das Ende des Sommers (keltisch samos, gälisch samhuinn) bezeichnet wird. An Allerheiligen wiederum wird traditionell der Gemeinschaft der Heiligen gedacht – auch solcher, die nicht heiliggesprochen wurden, sowie der vielen Heiligen, um deren Heiligkeit niemand weiß (Letzteres gefällt mir besonders), und an Allerseelen (2. November) soll durch Gebete und Fürbitten sowie durch gute Taten (zum Beispiel Geschenke an bettelnde Kinder) das Leiden der Toten im Fegefeuer gelindert werden. Das zeigt, dass wir es offensichtlich mit einer Vermischung christlicher und heidnischer Bräuche zu tun haben, die noch dazu durch ihre Verbreitung in andere Länder weiter verändert wurden. So ist der geschnitzte Kürbis, das wohl bekannteste Halloween-Requisit, gar nicht auf die keltischen „Türhüter“ zurückzuführen, sondern auf die Legende vom Bösewicht Jack O., weshalb der Halloween-Kürbis in Irland und den USA auch als Jack-O’Lantern bezeichnet wird. Von jenem Jack O. heißt es, er habe durch eine List den Teufel gefangen und war nur bereit, ihn wieder freizulassen, wenn der Teufel ihm verspräche, im bei seinen Übeltaten nicht mehr in die Quere zu kommen. Als Jack O. starb, kam er aufgrund seiner Missetaten nicht in den Himmel, weil er aber den Teufel betrogen hatte, war ihm auch der Zutritt zur Hölle verwehrt. Doch immerhin hatte der Teufel soviel Erbarmen mit Jack, dass er ihm eine Rübe und eine glühende Kohle schenkte, damit Jack sich eine Laterne daraus basteln konnte, die seinen ewigen Weg durch die Dunkelheit erhellen sollte. Einzig die große Menge an Kürbissen, die in den USA wachsen, soll der Grund dafür sein, dass aus der beleuchteten Rübe ein beleuchteter Kürbis wurde.

Mit diesem Rübenersatz wurde das Fest aus den USA wieder nach Europa exportiert – aus europäischer Sicht also ein Reimport, hielt zu Beginn der 90er in Deutschland seinen Einzug, und wie bei vielem, was wir aus den USA importieren, überboten wir auch hierin die Amerikaner, was die Kommerzialisierung angeht.

Mit der steigenden Popularität des Festes wurde auch Kritik laut. In Deutschland befürchtet man, das traditionelle Martinisingen am 10. bzw. bei den Katholiken 11. November und die damit verbundenen Laternenumzüge könnten dadurch an Popularität einbüßen, und die Protestanten finden es misslich, dass Halloween und der Reformationstag auf dasselbe Datum fallen. Mit katholischen Christen gibt es Konflikte wegen des folgenden Allerheiligentags, der als Stiller Feiertag begangen wird, an dem Tanzveranstaltungen verboten sind. In Bayern mussten Discotheken für Halloween-Partys, die bis nach Mitternacht dauern sollten, Ausnahmegenehmigungen beantragen, welche jedoch seit 2008 aufgrund eines Erlasses vom bayrischen Innenministerium an die lokalen Ordnungsbehörden nicht mehr erteilt werden.

Nicht von ungefähr fallen die Feste, an denen wir des Todes und der Toten gedenken in die Jahreszeit, in der die Natur sich zur Ruhe begibt. Während der Arbeitsalltag des modernen Menschen kaum noch einen Unterschied zwischen den Jahreszeiten macht, sieht man vom ruhigeren Geschäftsgang in den Ferienwochen des Sommers einmal ab, hatten früher die Menschen, nachdem die Ernte eingebracht war, Zeit für Muße und Besinnung, Zeit also, über das Leben nachzudenken, sich der Toten zu erinnern, Märchen zu spinnen und Sagen weiterzuerzählen.

Ein stimmungsvoller und interessanter Text dazu von Jörg Wichmann findet sich auf der Seite Boudicca’s Bard:

Allerheiligen – Fest der Toten und Dämonen

Ein Hauch von Gold lag über dem Abendhimmel, als ich heimging. Es war Herbst, die Sonne stand bereits weit im Skorpion und die Abende waren schon spürbar kalt. Hoch über mir zog ein Schwärm Krähen und weit im Hintergrund tuckerte noch leise ein Traktor auf der Heimfahrt. ‘Wie damals’, dachte ich, ‘damals als… ‘da war das Gefühl schon wieder weg. Die Jahreszeit der Erinnerungen, der flüchtigen Melancholien, erzeugt vom erdigen Geruch der Blätter, vom glitzernden Reif in den Morgenstunden, vom einsamen Zwitschern des Zaunkönigs in der kahlen Hecke. Doch ehe man die Gefühle erfaßt hat, sind sie schon wieder verflogen, wie ein Kinderdrachen an einer zu dünnen Schnur.

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P. Steen: Vanitas Still-Life with Gorget and Cuirass. um 1640

P. Steen: Vanitas Still-Life with Gorget and Cuirass. um 1640

Das lateinische Wort Vanitas (leerer Schein, Nichtigkeit, Eitelkeit) bezeichnet die jüdisch-christliche Vorstellung von der Vergänglichkeit alles Irdischen. Vanitas-Motive sollen den Menschen daran erinnern, dass er sterblich ist und alles Streben nach Reichtum, Macht, ja, selbst nach Wissen eitel und vergeblich.

Klagen über die Vergänglichkeit finden sich zwar schon in der antiken Dichtung, doch kannte die Antike noch keine Verurteilung des Stolzes auf menschliche Leistung und menschliche Kunst. So sagte Hippokratest: „Das Leben ist flüchtig, die Kunst dauerhaft.“ Erst die jüdisch-christliche Kultur betrachtete jede menschliche Darstellung als eine gotteslästerliche Anmaßung. Gegen diese Auffassung mussten sich die Künstler des Mittelalters durchsetzen und taten dies mit dem Mittel der Rechtfertigung. Die Darstellungen von Sterblichkeit und Niederlagen sollten den Betrachter läutern und den Künstler entschuldigen. Mit dem Aufblühen der Künste in der Renaissance stieg der Rechtfertigungsbedarf erheblich, und entsprechend groß waren die Bemühungen, ihm nachzukommen.

Im Barockzeitalter war Vanitas ein bedeutendes Motiv in Literatur, Theater und Musik, und in der Bildenden Kunst finden sich häufig Darstellungen des Vergangenen und Vergänglichen: Totenschädel, Stundenglas, die erlöschende Kerze und die verwelkte Blume aber auch hohle Formen wie Masken, ein leeres Glas, Schneckengehäuse und Ruinen. Zu den Vanitas-Symbolen gehörten auch Gegenstände, die wir heute mit sinnvoller Betätigung oder Geselligkeit in Verbindung bringen würden: Bücher, Sammelobjekte und Spiele. Nach damaliger Auffassung führten das Lesen und Beschäftigungen zum bloßen Zeitvertreib zur Melancholie, und ihre symbolische Bedeutung in Vanitas-Stillleben als Requisiten menschlichen Mutwillens wurde von jedem Betrachter verstanden. Dasselbe galt für Machtinsignien und Luxusgüter wie kostbare Stoffe und Schmuck.

Beliebte Sinnsprüche, die die Vergänglichkeit alles Irdischen ins Gedächtnis rufen sollten, waren „Memento mori“ (Bedenke, dass du sterben musst) und „Carpe diem“ (Nutze den Tag).

Mit Ausgang des 17. Jahrhunderts aber kam es zur Auflehnung gegen das unvermeidliche Scheitern des Menschen in seinen Bemühungen. Zwar war und ist) der Tod nicht überwunden, doch schon in Gemälden vor 1700 erscheint der Totenschädel als Studienobjekt für den Arzt oder Naturforscher und nicht mehr als Ermahnung. Und seit dem späten 18. Jahrhundert, im Zuge des medizinischen und naturwissenschaftlichen Fortschritts und des Entstehens einer wohlhabenden bürgerlichen Gesellschaft, kehrte sich die Bedeutung vieler Vanitas-Motive um, symbolisierten sie nicht mehr Vergänglichkeit und Nichtigkeit, sondern Bedeutendes mit einem Anspruch auf Dauer. Aus der Historia von D. Johann Fausten von 1587 wurde 1808 Goethes Faust I.

Um 1900 kam es zu einer Wiederbelebung der Vanitas-Motive als Bewegung, die sich gegen den bürgerlichen Denkmalskult und den Naturalismus in der Literatur und der Kunst richtete. In diese Entwicklung ist Edvard Munchs zwischen 1892 und 1910 entstandene Bilderreihe „Der Schrei“ einzuordnen. Und auch in der Kunst des 20. Jahrhunderts bleibt Vanitas gegenwärtig, so zum Beispiel in Stillleben von Georges Braque oder Pablo Picasso. Andy Warhol kritisierte mit der Darstellung nichtiger Dinge den Wertanspruch von Kunst (was diese Werke zu den teuersten der modernen Kunst gemacht hat). Und Lucien Freud, dessen Aktgemälde keinen Zweifel an den Alterungsprozessen lassen, denen der menschliche Körper unterliegt, sagte 1990 zu Damien Hirst angesichts dessen Arbeit „A Thousand Years“ mit sterbenden Fliegen: „Oh, du hast mit dem finalen Akt begonnen.“

Die Kunst stellt nicht mehr nur Vergänglichkeit dar, sondern die Vergänglichkeit des Kunstobjekts wird zum Ausdrucksmittel. Immer mehr Werke entstehen nur für eine befristete, oftmals wenige Tage oder Wochen dauernde Zeit. Damit entspricht sie dem, was jedem von uns täglich immer deutlicher vor Augen geführt wird durch den schnellen Wandel der Mode, die von einem Jahr zum nächsten schon veraltete Technik, eine Gesellschaft die gekennzeichnet ist von Zeitarbeit, Lebensabschnittspartnerschaften, Börsencrashs und Unternehmenspleiten. Im Widerspruch dazu stehen die Bemühungen, den Tod immer weiter hinauszuschieben, und der Ehrgeiz, alles, aber auch alles zu dokumentieren und zu archivieren.

An der Unabwendbarkeit des Todes und der Vergänglichkeit alles Irdischen aber hat sich nichts geändert und wird sich nichts ändern – auch nicht dadurch, dass wir das Thema weitgehend tabuisieren. Ändern können wir nur unsere Einstellung dazu. Und da lohnt es sich vielleicht, einen Blick darauf zu werfen, wie andere Kulturen damit umgehen. Der Zeitpunkt – kurz vor Allerseelen, Totensonntag und Volkstrauertag erscheint mir dazu genau richtig.

Ich schreibe gerne Fragmente. Als Fragmente bezeichne ich Geschichten, die eigentlich keine sind, die sich lesen, wie der Anfang, das Ende oder ein Ausschnitt aus einer Geschichte. Auch die „richtigen“ Geschichten, die ich schreibe, beginnen oft mit einem solchen Fragment. Eine Szene, um die herum ich eine Geschichte entwickle. Belasse ich es beim Schreiben bei dieser einen Szene, bleibt es dem Leser überlassen, die Geschichte selbst weiter zu entwickeln. Das mag nicht jedem gefallen, und wem es nicht gefällt, der sollte an dieser Stelle aufhören, zu lesen.

Das Folgende hatte ich zu einem Foto in Phillipp’s Blog geschrieben. Phillipp hat aufgeräumt, und dabei ist auch dieses Schnippselchen im Papierkorb gelandet. Dass ich das Foto damals heruntergeladen und meinen Text abgespeichert habe, hat mehr mit Glück als mit Verstand zu tun. Vielleicht möchte es ja doch noch jemand…
An Phillipp meinen Dank für Seine Zustimmung, es nun in meinem Blog zu veröffentlichen.

erste_liebe

Erste Liebe oder Was bleibt

Wie sonst auch, hatte Felipe, nachdem er den Film entwickelt hatte, postkartengroße Abzüge gemacht, um sie an die Touristen zu verkaufen. Als er die Fotos in seine Umhängetasche packte, blieb ihm das letzte in der Hand, und er schaute es an, bis er glaubte, eine Unschärfe zu entdecken. Unscharf, dachte er, das passiert mir nie. Er schloss die Augen, öffnete sie wieder und sah das Bild gestochen scharf. Das Andere, das von damals, das von ihm und Maria Luisa war vergangen. Nur ihre Stimme glaubte er noch zu hören, dicht an seinem Ohr, als sie sich auf seine Schulter lehnte. Und das Lächeln in ihrer Stimme, als sie sagte: „Du schaffst es, Felipe. Gustavo ist ein Angeber. Du läufst schneller. Ich will Gustavo keinen Kuss geben müssen. Denk daran.“
Und er war schneller gelaufen als Gustavo. Und Maria Luisa hatte ihn geküsst. Damals.
Er steckte das letzte Foto zu den anderen, hängte sich die Tasche um, stemmte sich vom Stuhl hoch, nahm die Krücken und machte sich auf den Weg hinunter in die Altstadt, wo sich bald die Tische vor den Restaurants füllen würden. Denn wenn sein zerschossenes Bein ein Gutes hatte, so war es das Mitleid in den Augen der Frauen, auch wenn es lange gedauert hatte, sich daran zu gewöhnen.

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Es waren einmal zwei Brüder.
Du meine Güte, was für ein abgedroschener Anfang für ein Märchen! Aber Geschichten sind wie sie sind, und diese handelt nun einmal von zwei Brüdern, die da einmal waren. – Es waren also einmal zwei Brüder von recht unterschiedlichem Temperament. Auch dies darf nicht verschwiegen werden, wenngleich es das Klischee von Märchenbrüdern auf geradezu lächerliche Weise bedient.
Karl war still und ernst, Kurt lebhaft und stets guter Dinge. Die drei Jahre, die Karl älter war als Kurt, war Kurt jünger als sein Bruder. Daraus ergab sich ein gefühlter Altersunterschied von mindestens sechs Jahren. Eines aber war ihnen gemeinsam: Sie hatten beide ein Talent zum Schreiben.

Karl schrieb kleine Geschichten, in denen all die Heiterkeit Ausdruck fand, die er als Person nicht an den Tag legte. Kurt wurde Journalist und betrieb seine Profession mit solcher Ernsthaftigkeit, dass er es mit vierzig Jahren zum Herausgeber mehrerer Magazine gebracht hatte, nur noch deren Vorworte schrieb und ansonsten sehr viel Zeit in Redaktionskonferenzen saß. Er konnte Frau und Kindern ein gutes Leben bieten, und sie mussten nichts entbehren, wenn er seinen Bruder hin und wieder unterstützte, denn dieser war, ganz im Gegensatz zu ihm, das, was man in jenen Tagen gerne als Loser bezeichnete. Es ist übrigens nicht schade, dass diese Bezeichnung sich weitgehend wieder verloren hat.

Es soll nun niemand denken, Kurt hätte sich seinem Bruder gegenüber gönnerhaft benommen. Die Brüder waren einander sehr zugetan, und Kurt ließ es nicht an Feingefühl fehlen. So oft es sich einrichten ließ, veröffentlichte er eine von Karls Geschichten in einem seiner Magazine und war darauf bedacht, Karl nicht merken zu lassen, dass das dafür gezahlte Honorar das Übliche weit überstieg. Und wenn die beiden Brüder in einem Restaurant aßen, so bestand Kurt darauf, die ganze Zeche zu übernehmen, und verlangte ostentativ eine auf den Verlag ausgestellte Rechnung. Sein Steuerberater jedoch bekam diese Rechnungen nie zu sehen, obwohl er phantasiebegabt genug war, um damit etwas anfangen zu können.

So lebten die beiden Brüder, jeder nach seiner Façon, und es hätte immer so weitergehen können, wenn es mit Karl nicht ein vorzeitiges und ganz unerwartetes Ende genommen hätte.
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Zachary Rossman
Worm Hole
Gouache on found paper, 9.25” x 13.75”

Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich zuweilen etwas übersetzen muss. Aus dem Englischen ins Deutsche ist das üblicherweise kein großes Problem. Um aus einem worm hole ein Wurmloch zu machen, brauche ich kein Wörterbuch. Schwieriger wird es, wenn es sich z.B. um den Essay eines Kunstwissenschaftlers handelt, denn die Angehörigen dieses Berufsstandes meinen oft, dem, was Kunst auf eine sehr individuelle Weise ausdrückt, nur durch einen sehr individuell formulierten Text gerecht werden zu können. Ja, manchmal könnte einen der Verdacht beschleichen, der Rezensent hätte selbst nicht so genau verstanden, was der Künstler mit seinem Werk zum Ausdruck bringen wollte, und daher sein Heil gesucht in luftigen Wortgebilden und eigenwilligen Satzkonstruktionen, bei denen es dem Leser überlassen bleibt, ein Attribut dem davor oder dem dahinter stehenden Wort zuzuordnen. In einer Übersetzung ebenso vage zu bleiben wie der Originaltext, ist nicht ganz leicht.

Kein Problem dagegen sind die Werkbeschreibungen, die unter oder neben Abbildungen von Kunstwerken stehen. Man ringt höchstens kurz mit sich, ob man sich für Graphit oder Bleistift entscheidet, aber Öl auf Leinwand ist Öl auf Leinwand ist… – Und dann stieß ich eines Tages auf found paper. Was gefundenes Papier ist – und das könnte eine Menge sehr unterschiedlichen Papiers sein – verstand ich sofort. Aber wie übersetzen? – … auf gefundenem Papier? – Klingt nicht wirklich gut. – …auf Fundpapier? – Googelt man „Fundpapier“ erhält man jede Menge Links auf Seiten folgenden Inhalts:

1) Das Bundesverwaltungsamt führt eine Datenbank, in der Angaben zu in Deutschland aufgefundenen, von ausländischen öffentlichen Stellen ausgestellten Identifikationspapieren von Staatsangehörigen der in Anhang I der Verordnung (EG) Nr. 539/2001 (ABl. EG Nr. L 81 S. 1) genannten Staaten gespeichert werden (Fundpapier-Datenbank). Zweck der Speicherung ist die Feststellung der Identität oder Staatsangehörigkeit eines Ausländers und die Ermöglichung der Durchführung einer späteren Rückführung.
(2) Ist ein Fundpapier nach Absatz 1 in den Besitz einer öffentlichen Stelle gelangt, übersendet sie es nach Ablauf von sieben Tagen unverzüglich dem Bundesverwaltungsamt, sofern
[...]

Bei dem vom Künstler verwendeten Malgrund kann es sich um ein Blatt aus einem Tapetenmusterbuch, die unbedruckte Rückseite eines Rundschreibens, ein Stück Packpapier oder praktisch jedes Papier, das nicht als Zeichen- oder Aquarellpapier gilt, handeln – mit größter Wahrscheinlichkeit aber nicht um ein „von einer ausländischen öffentlichen Stelle ausgestelltes Identifikationspapier“.

… auf Altpapier? – Um Himmels Willen!

Ohne hier mit einer offiziell korrekten Übersetzung von „found paper“ aufwarten zu können, möchte ich doch feststellen: Sowohl die Begriffe „Fundpapier“ wie „gefundenes Papier“ werden verwendet, auch wenn sie der reizvollen Zweckentfemdung kaum gerecht werden. Aber wird „Öl auf Leinwand“ einem Van Gogh gerecht? Wäre die Bezeichnung nicht so eingebürgert, würde man dabei an einen Fettfleck auf dem Tischtuch denken.

Das oben gezeigte Bild ist übrigens nicht das, bei dem ich zum ersten Mal über found paper gestolperrt bin, und von dem ich leider keine Abbildung habe, sondern es wurde in der Ausstellung „The Enigmatic Shadow“ (Sincronicity, Los Angeles, 30.Mai – 27 Juni 2009) gezeigt. Ein weiteres schönes Beispiel bietet eine Zeichnung meines Freundes Phillipp.

Das kleine Übersetzungsproblem wäre allerdings kein Grund, mich in einem Blogeintrag darüber zu verbreiten, hätten meine Bemühungen um die korrekte Übersetzung nicht einen erfreulichen Nebeneffekt gehabt. So freudlos die Links sind, die man mit „Fundpapier“ ergoogelt, so reizvoll sind die Suchergebnisse für „found paper“.

Beautiful Papers
http://beautifulpapers.blogspot.com/2007/07/found-paper-address-file.html

Rowan Morrison
http://www.rowanmorrison.com/foundpaper/

Book by its Cover
http://www.book-by-its-cover.com/other/found-paper-journal

Etsy
http://www.etsy.com/view_listing.php?listing_id=30724594

Und für diejenigen, die Weihnachtsgeschenke gerne selbst basteln, wäre es jetzt höchste Zeit, mit dem Sammeln schönen Papiers zu beginnen, um vielleicht einem lieben Menschen ein originelles und sehr persönliches Notizbuch zu schenken.

Stahl: Watermelon

Stahl: Watermelon

Der Zauber, den Curcubitella auf die prachtvolle Melone gelegt hatte, wirkte fort und fort, doch geschah dies so unmerklich, dass die davon Betroffenen zu keiner Zeit glaubten, es gehe etwas nicht mit rechten Dingen zu.

Jahre vergingen. Das Mädchen und der Junge aus dem Kinderheim wuchsen heran.
Zwar waren sie, nachdem man sie bei der Rückkehr von ihrem heimlichen Ausflug erwischt hatte, von den Erziehern mit besonderer Aufmerksamkeit beobachtet worden, doch gelang es ihnen hin und wieder, dem Heim und der Aufsicht zu entfliehen. Dann liefen sie auf den Markt, und nie ließ der Obsthändler es sich nehmen, ihnen von den Früchten der Saison zu schenken. Er hatte die Beiden ins Herz geschlossen, und eines Tages sagte er zu seiner Frau: „Ich verwette meine Lieblingsmütze darauf, dass die Zwei ein Paar werden.“
Vier Jahre, nachdem er dem Mädchen das Achtel von der prachtvollen Melone geschenkt hatte – es war wieder Sommer, schenkte er ihnen ein ganzes Viertel von einer, wenn auch kleineren, Melone. Und wie sie im Schatten der Linde beide davon aßen, küssten sie sich zum ersten Mal, denn dazu bedurfte es nicht des Zaubers einer Fee. Es genügten die Jugend und der Sommer, um den Zauber des ersten Verliebtseins zu bewirken.

Der Maurer hatte sich als so tüchtig und geschickt erwiesen, dass er am Ende der Saison fest bei der Baufirma unter Vertrag kam. Der Student aber war zu seinen Büchern und ans Zeichenbrett zurückgekehrt, hatte sein Studium mit Auszeichnung abgeschlossen, und sein Vater hatte ihm geholfen, sich ein eigenes Architektenbüro einzurichten. Als er seine erste große Ausschreibung gewann, sagte der Bauherr zu ihm: „Ich bin nicht zufrieden mit dem hiesigen Bauunternehmen, seit der alte Polier im Ruhestand ist. Denn statt ihrem tüchtigsten Mann den Posten zu geben, haben sie ihn dem Schwiegersohn des Inhabers zugeschanzt, der nichts kann und nichts weiß. Mir wäre es lieber, wenn du eine eigene Firma gründest. Warum holst du dir dazu nicht den Besten, den du kriegen kannst als Bauleiter? Tust du es, so bleiben wir im Geschäft.“
Und wie es sich herausstellte, war eben jener tüchtige Mann, von dem der Bauherr gesprochen hatte, kein anderer als der Maurer, der mit dem ehemaligen Studenten seine Melone geteilt hatte, und alles fügte sich vortrefflich.

Nicht so glücklich war der Notar dran. Es erging ihm wie allen Menschen, deren Herz verschlossen bleibt, wenn der Zauber einer guten Fee sie berührt. Das Glück mit seiner neuen Frau war nicht von Dauer. So wie sie sich nie Gedanken darüber gemacht hatte, als der Notar ihretwegen Frau und Kinder verließ, so bedenkenlos verließ sie ihn, als ihr ein anderer Mann besser gefiel.
Das Notariat lief gut, denn der Notar galt in der ganzen Stadt als sehr tüchtig, und alle kamen zu ihm, wenn es galt, Verträge zu schließen oder den Nachlass zu regeln. So schloss er auch den Vertrag zwischen dem Architekten und seinem Bauleiter, als der Architekt seinen Freund zum Teilhaber der Firma machte. Privat jedoch bereute er manches, fasste jedoch nicht den Mut, bei seiner geschiedenen Frau Abbitte zu leisten, sondern vergrub sich ganz in seiner Arbeit und war verbittert, wenn er über sein Leben nachdachte.

So kam zu ihm ins Notariat eines Tages auch ein junges Paar, das demnächst heiraten wollte, um einen Ehevertrag zu schließen. Es waren jene beiden jungen Menschen, die miteinander im Kinderheim aufgewachsen waren, dann die Schule beendet und einen Beruf erlernt hatten. Das Mädchen war Schneiderin geworden und träumte davon, eines Tages ihr eigenes Modeatelier zu haben. Der junge Mann aber hatte den Beruf des Eisenflechters ergriffen und bald genug Geld verdient, um eine Wohnung einrichten und eine Familie gründen zu können.
„Wir haben beide keine leichte Jugend gehabt“, sagte der junge Mann, „und schon als Kinder böse Erfahrungen gemacht, weil wir keine guten Eltern hatten. So möchten wir nun alles so regeln, dass es unseren eigenen Kindern nicht genauso ergeht.“
Der Notar hätte manches über Verantwortung und Verträge zu sagen gewusst, doch wurde er über diese Visite plötzlich ganz schwermütig, und als das junge Paar wieder gegangen war, schloss er das Notariat für den Rest des Tages, setzte sich in ein Straßencafé und hing seinen trübsinnigen Gedanken nach. Da sah er plötzlich auf der anderen Straßenseite jene hübsche Frau gehen, um deretwillen er vor Jahr und Tag seine Frau und die Kinder verlassen hatte. Sie war in Begleitung eines wohlhabend aussehenden Mannes, der die Tüten mit den gerade in Modegeschäften getätigten Einkäufen trug. Sie selbst aber trug ein Kleid mit schwingendem Rock, das auf schwarzem Grund mit leuchtenden Melonenscheiben bedruckt war.
In diesem Moment erinnerte sich der Notar an den Tag, an dem er geglaubt hatte, seiner Frau einen Gefallen zu tun, indem er das Finanzielle aufs Großzügigste geregelt hatte. Er erinnerte sich ihrer Traurigkeit, und dass sie das Stück Melone kaum heruntergebracht hatte, während er selbst noch wusste, dass es wohl die köstlichste Melone gewesen war, die ihm je vorgesetzt wurde. Nun aber, in der Erinnerung, vermischte sich der süße Geschmack mit dem bitteren seiner Einsamkeit. Dass er seine Kinder nur zu den Geburtstagen und zu Weihnachten sah, und deshalb nicht stolz darauf sein durfte, dass sie zu wunderbaren jungen Menschen heranwuchsen, schien sein Lebens eines tieferen Sinnes zu berauben. Und da waren der Schmerz und das Gefühl von Verlust so groß, dass er sich entschloss, seinen dummen Stolz zu überwinden. Er winkte dem Kellner, bezahlte den Aperitif, auf den er versucht hatte den bitteren Geschmack in seinem Mund zu schieben, lief in den nächsten Blumenladen, erstand das prächtigste Gebinde von Rosen und Lilien, das dort ausgestellt war, kam sich damit noch lächerlicher und erbärmlicher vor und stand trotzdem bald darauf vor der Tür seiner geschiedenen Frau. Die kannte ihren ehemaligen Gefährten noch gut genug, um den Ausdruck in seinem Gesicht und die Blumen richtig zu deuten. Zwar sagte sie nichts, sondern erkundigte sich nur freundlich, es sei ihr zugetragen worden, wie gut das Notariat lief, doch keine Stunde später hielt sie den Vater ihrer Kinder in den Armen und sprach: „Du törichter Kerl, warum bist du nicht früher gekommen? Ich habe doch darauf gewartet.“

Bald darauf gab es eine Hochzeit in der Kirche am Marktplatz.
Der Organist war mit den Jahren immer öfter gebeten worden, zu den Gottesdiensten die Orgel zu spielen, denn der alte Organist war von der Gicht befallen, und sein Orgelspiel kein Ohrenschmaus mehr. So spielte er auch zu dieser Hochzeit.
Er selbst war unbeweibt und hatte sich so der Kunst hingegeben, dass er ganz vergaß, auf Brautschau zu gehen. Üblicherweise war es ihm einerlei, ob er zu einer Hochzeit, einer Kindstaufe oder einer Vesper die Orgel spielte, diesmal aber schaute er von der Orgelempore hinunter, als das junge Paar einander das Ehegelöbnis gab. Und just als sie einander küssten, brach die Sonne durch den bewölkten Himmel, und ein Strahl fiel durch das bunte Kristall der Kirchenfenster und tauchte das Paar in ein hellrotes Licht. Da berührte etwas das Herz des Organisten, wie damals beim Anblick der prächtigen Melone. Er konnte nicht widerstehen. Als es galt, den Hochzeitsmarsch zu spielen, da spielte er nicht von dem Blatt, das er bereits auf den Notenständer gelegt hatte, sondern spielte jenen von ihm selbst komponierten Hochzeitsmarsch, den er in der leeren Kirch so oft geübt hatte, dass es keiner Noten bedurfte. Und den beiden jungen Menschen war es, als würde die Musik sie an alles erinnern, was sie miteinander erlebt hatten, beginnend mit dem Augenblick, als sie das erste Mal ein Stück Melone miteinander aßen, und gleichzeitig, als würde die Melodie sie in eine wunderbare Zukunft führen wollen. Wie von den Klängen der Orgel getragen, schritten sie aus der Kirche hinaus in den Tag, der hell und freundlich geworden war.
Vor der Kirchentür nahmen sie die Glückwünsche der Gäste entgegen. Zur Hochzeit hatten sie alle eingeladen, die ihren Lebensweg irgendwann begleitet hatten, natürlich auch den Obsthändler, als ihren ältesten Freund, aber auch die Erzieherinnen aus dem Kinderheim, so oft sie sich auch über sie geärgert hatten, den Notar, der ihnen den Vertrag aufgesetzt hatte, nebst Gattin, und der junge Mann hatte seine Chefs zur Hochzeit gebeten. Wie sie nun alle vor der Kirche standen und warteten, bis der Fotograf genug Aufnahmen gemacht hatte, trat als Letzter der Organist aus der Kirche.
„Liebster“, sagte die Braut, „hol doch den Organisten einmal her. Er hat so schön gespielt, dass ich ihn auch gerne zur Feier einladen möchte.“
Und wie das Brautpaar und die anderen Gäste dann erfuhren, dass der Organist zum ersten Mal seine eigene Komposition öffentlich gespielt hatte, da waren sie voll des Lobes für das Werk und ermutigten ihn, doch bald einmal ein Konzert zu geben.
In diesem Geiste ging es während des ganzen Festes weiter. Alle waren bester Dinge, es wurden neue Freundschaften geknüpft und alte vertieft, und die Hochzeit würde allen in bester Erinnerung bleiben. Schließlich sagte der Architekt sogar, dass, sobald das junge Paar das Geld zusammen hätte für den Bau eines eigenen Häuschens, wäre es ihm eine Freude, die Pläne dazu als nachträgliches Hochzeitsgeschenk zu liefern.

Während es sich die Hochzeitsgesellschaft gut gehen ließ, schlich Curcubitella durch die Wohnung des jungen Paares. Nach Feenart war sie mühelos hinein gelangt, nun aber fand sie nicht gleich, was sie suchte. „Wo hat sie sie nur gelassen?“ murmelte sie. „Ich bin sicher, dass sie sie nicht fortgeworfen hat.“ Und schließlich entdeckte sie ganz hinten in einer Schublade zwischen den Taschentüchern doch das Gesuchte: Ein zusammengeknotetes Kindertaschentuch.

Als das Mädchen und der Junge damals die verzauberte Melone aßen, da hatte das Mädchen die Kerne in die Hand gespuckt. Als hätte sie damals schon geahnt, dass dieser Moment von großer Bedeutung war, hatte sie sie nicht weggeworfen, sondern als Erinnerung aufgehoben, in ihr Taschentuch geknüpft, und all die Jahre hindurch aufbewahrt. Inzwischen mochte sie an dieses Souvenir nicht mehr denken, doch Curcubitella war entschlossen, sie wieder daran zu erinnern. So befreite sie das Taschentuchbeutelchen aus seinem Versteck und legte es zwischen die Wäsche der jungen Frau, wo es zweifellos bald gefunden werden würde.

Tatsächlich entdeckte die Frischvermählte das Kindertaschentuch schon am übernächsten Tag. Vorsichtig löste sie den Knoten und betrachtete mit einem zärtlichen Lächeln die ganz vertrockneten Melonenkerne. Die werden wohl nicht mehr keimen, dachte sie, aber einen Versuch will ich trotzdem machen.
Sie pflanzte die Kerne in das winzige Gärtchen, das zur Wohnung gehörte, und das Wunder geschah. Bald spross das Grün aus dem Erdreich, und es dauerte nicht lange, da rankte es, Früchte begannen sich zu bilden und wuchsen zu Melonen heran. Die Früchte aus den Kernen einer verzauberten Melone aber tragen denselben Zauber, der auf der Frucht lag, der die Kerne entstammen, und mit den Kernen aus diesen Früchten verhält es sich ebenso. Es sind seither die verzauberten Melonen aus der Welt nicht mehr wegzudenken, und die Menschen, die gemeinsam von einer solchen Melone essen, werden einander stets verbunden bleiben, sei es in Freundschaft oder Liebe, oder nur durch die Erinnerung an einen schönen Sommer.

Stahl: Watermelon

Stahl: Watermelon

Der junge Maurer war mit dem eingepackten Melonenviertel unter dem Arm direkt zur Baustelle gegangen, und als sie in Sicht kam, war er stehengeblieben und hatte sich nochmals zurechtgelegt, mit welchen Worten er sich dem Polier empfehlen wollte. Er hatte große Lust, wieder am Bau eines Hauses mitzuarbeiten, und eine Schule zu bauen, erschien ihm als etwas Besonderes. Vielleicht deshalb, weil er sich als Junge manchmal gewünscht hatte, die Schule, in der er seine Vormittage verbringen musste, würde abbrennen. Inzwischen aber hatte er die Notwendigkeit eingesehen, etwas zu lernen, und war dankbar für alles, was man ihm in der Schule beigebracht hatte. Als er seine Gedanken gesammelt hatte, schritt er zügig aus und auf die Baracke zu, wo er das Büro des Bauleiters vermutete.

Nun traf es sich, dass, fast gleichzeitig mit dem jungen Maurer, ein Anderer dort eintraf, der ebenfalls um Arbeit nachfragen wollte. Es war ein Student der Architektur, der für eine Saison auf einer Baustelle praktische Erfahrungen sammeln wollte.
Der Student war ein eher schmächtiger junger Mann von geringer Körperkraft, und als die Beiden vor dem Polier standen, da kratzte sich dieser am Kopf und sagte: „Ich werde euch am besten beide einstellen, denn was der Eine an Muskeln hat, das besitzt der Andere hoffentlich an Verstand.“
Da der Bau vorankommen sollte, forderte er die neuen Arbeiter auf, gleich da zu bleiben, und wies ihnen eine Aufgabe zu, bei der sie Seite an Seite arbeiten konnten.

Der Maurer und der Student verstanden sich mit wenigen Worten, und als es Zeit für die Pause war, hatten sie gemeinsam ein kleines Mäuerchen ordentlich hochgezogen, und der Polier war zufrieden.
Der junge Maurer suchte sich einen schattigen Platz, setzte sich auf einen Stapel Bretter und wickelte das Melonenviertel aus dem Papier. Der Student stand ein wenig unschlüssig in der Nähe. Er hatte wenig praktische Erfahrung im Leben, hatte sich nicht darauf eingerichtet, gleich mit der Arbeit beginnen zu können, und deshalb auch nichts zum Essen mitgebracht.
„Komm, setzt dich zu mir!“ rief ihm der Maurer zu. „Das ist ein gewaltiges Stück Melone. Wir können es uns teilen.“ Und schon schickte er sich an, das Viertel mit seinen kräftigen Händen in der Mitte durchzubrechen.
„Warte“, sagte der Student und zog ein schönes Schweizer Messer aus seiner Hosentasche. „Damit lässt es sich besser teilen.“
Der Maurer bewunderte das Messer.
„Das hat mein Vater mir geschenkt“, sagte der Student. „Mein Vater ist Zimmermann, und als er jung war, da muss er ein starker Kerl wie du gewesen sein. Manchmal glaube ich, es wäre ihm lieber, einen Sohn zu haben, der ihm nachschlägt, aber er hat mir nie einen Vorwurf daraus gemacht, dass ich lieber über Büchern und am Zeichenbrett sitze. Und dennoch macht er mir stets solche Männergeschenke.“
Der junge Maurer lachte. „Bei uns zuhause ist es umgekehrt. Mein Vater ist Lehrer, und er schenkt mir immer Bücher. Aber auch mein Vater hat mich nie getadelt, weil ich lieber ein Handwerk erlernen wollte. Übrigens hast Du bei der Arbeit ordentlich zugepackt, besser als ich es dir anfangs zugetraut hätte. Warte ein paar Wochen, und du wirst Muskeln angesetzt haben, und die Arbeit wird dir leichter von der Hand gehen.“ Und dabei knuffte er den Studenten freundschaftlich auf den Oberarm.
„Und ich finde, der Polier hat Unrecht, wenn er glaubt, dass Du einen brauchst, der für dich denkt. Ich halte dich für einen klugen Burschen“, entgegnete der Student.
Sie grinsten einander einverständig zu, und als sie die Melone verzehrt hatten, die Pause beendet war und sie die Arbeit wieder aufnahmen, da waren sie beinahe schon Freunde geworden.

Die Frau des Notars hatte die Einkäufe nachhause getragen und sich in der Küche zu Schaffen gemacht, denn wenn die Kinder aus der Schule kamen, sollte das Essen auf dem Tisch stehen. Als auf dem Herd alles köchelte und brutzelte, machte sie sich daran, den Tisch zu decken. Seit ihr Mann die Familie verlassen hatte, um mit einer anderen Frau zu leben, hasste sie diesen Teil der Hausarbeit, denn es tat ihr weh, den Platz des Vaters auszusparen, wenn sie Teller und Besteck auflegte.
Da hörte sie vor dem Haus das Schlagen von Autotüren und die Stimmen ihrer Kinder, und der vertraute Klang lockte sie ans offene Fenster. Vor der Haustür waren ihr Mann und die Kinder gerade aus dem Auto gestiegen. Die Kinder liefen schwatzend und lachend auf die Haustür zu, und der Notar warf einen Blick zum Fenster hinauf, wie er es früher getan hatte, wenn er die Kinder in seiner Mittagspause von der Schule abholte. Und sie winkte ihm zu, wie sie es ebenfalls früher getan hatte. Und für einen Augenblick schien alles wieder wie früher und damit in Ordnung zu sein.
„Du kannst mit uns essen. Es reicht auch für vier“, sagte sie zu ihrem Mann und war froh, nicht zu knapp gekocht zu haben.
Dann aber stellte sich heraus, dass der Notar nur gekommen war, um ihr ein vorbereitetes Schriftstück vorzulegen. Er schien sogar zu glauben, sie würde sich darüber freuen, denn er hatte darin erklärt und rechtsverbindlich versichert, dass sie, wenn sie geschieden würden, keine finanziellen Nachteil erleiden würde, ja, dass sie und die Kinder versorgt wären, wie es immer gewesen war. Sie aber war nicht froh, sondern musste sich zusammennehmen, damit keine Tränen auf das Papier tropften, als sie ihre Unterschrift darunter setzte.

Als sie den Nachtisch auftrug, war ihr der Appetit gänzlich vergangen. Und als ihr Mann sagte, sie solle ihm nicht von der Melone geben, da sie selbst und die Kinder sonst zuwenig hätten, entgegnete sie, er könne ihre Portion getrost essen, denn sie sei satt. Er aber bestand darauf, dass auch sie von der Melone aß, und sie fügte sich.
Wer um den Zauber der Melone weiß, wird denken, dass er hier besondern notgetan hätte. Doch als der Nachtisch verzehrt war, da ging der Notar wieder in sein Büro, und am Abend würde er nicht zu seiner Frau und seinen Kindern heimkommen, sondern in sein neues Haus gehen, in dem er mit einer anderen Frau lebte.

Der Organist war vom Markt direkt in die Kirche gegangen und hatte sich an die Orgel gesetzt, wo er das Melonenviertel auf dem Papier neben sich auf die Orgelbank legte, um sich während des Spiels daran zu erfrischen. Solange noch Fromme zur stillen Andacht in die Kirche kamen, spielte er brav die traditionellen Stücke. Als aber der Vormittag voranschritt und die Kirche sich schließlich ganz geleert hatte, versuchte er sich an seinen eigenen Kompositionen, denn er war begabt, nur eben ein schüchterner Mensch, der sich mit seinen eigenen Werken nicht an die Öffentlichkeit traute.

Plötzlich sah er, dass das Melonenviertel fast ganz aufgezehrt war, und er konnte sich gar nicht daran erinnern, davon abgebissen zu haben, sosehr war er in sein Spiel vertieft gewesen. „Du freche Muse“, sagte er leise. „Glaubst Du denn, nur weil Du mir so schöne Melodien eingibst, steht dir allein die Melone zu?“ Und er nahm das Stück auf und biss genüsslich den Rest des hellroten Fleisches aus der Schale.

Das Mädchen im grauen Kleid war wie im Traum mit dem Melonenachtel in Richtung des Kinderheims gegangen. Aber dann, auf halbem Wege, kam ihr der Gedanke, dass sie die Köstlichkeit mit den anderen Kindern würde teilen müssen, die ebenso lange keine Melone mehr gegessen hatten, wie sie selbst. Es würde für jeden mal gerade einen Bissen geben, der mehr sehnsüchtig als satt machte. Und dennoch schämte sie sich des Wunsches, das Stück für sich allein zu behalten.
Sie kämpfte noch mit ihrem Gewissen, als sie ganz in der Nähe einen Jungen sah, genauso alt wie sie selbst, der auch im Kinderheim wohnte, mit dem sie aber selten ein Wort wechselte, denn dieser Junge galt als das, was die Erzieher schwierig nannten. Er fügte sich nur schwer in die Hausordnung und stellte allenthalben etwas an.
Im Kinderheim wurde sehr früh zu Mittag gegessen, damit das Küchepersonal Feierabend machen konnte, und nach dem Essen sollten die Kinder einen Mittagsschlaf machen, damit die Erzieher sich ausruhen konnten. Nur manchmal schlich das Mädchen sich aus dem Schlafsaal, um für eine Stunde eine heimliche Freiheit zu genießen, und stets kehrte sie zurück, bevor die Mittagsruhe beendet war, und ohne dass ihr kleiner Ausflug bemerkt wurde. Und dieser Junge machte es offenbar genauso.
Gerade eben bemerkte er das Mädchen. „He!“ rief er. „Das hätte ich ja nicht gedacht, dass du heimlich abhaust.“
„Und?“ fragte das Mädchen trotzig. „Wirst du mich melden?“
„Quatsch!“ sagte er. „Wofür hältst du mich?“ Dabei bemerkte das Mädchen, dass sein Blick auf das Stück Melone fiel, das sie noch unberührt in der Hand trug. Ich werde mir sein Schweigen wohl doch erkaufen müssen, dachte sie, denn soviel und manches andere Unerfreuliche hatte sie vom Leben schon mitbekommen.
„Möchtest Du etwas von der Melone?“ fragte sie. Es war ihr lieber, es ihm anzubieten, als mit ihm verhandeln zu müssen, nachdem er vielleicht schon das ganze Stück verlangt hätte.
Dem Jungen war anzusehen, dass ihm das Wasser im Mund zusammenlief. Trotzdem sagte er: „Nee, lass mal. Ist ja deine.“
Darüber war das Mädchen so erstaunt, dass es ihr plötzlich ein Bedürfnis war, mit ihm zu teilen. „Es ist ein sehr großes Stück“, sagte sie. „Das reicht für uns beide.“

Sie setzten sich auf den Randstein in den Schatten einer Linde, und das Mädchen hielt ihm das Melonenachtel hin.
„Du zuerst“, wehrte der Junge ab. „Schließlich ist es deine Melone.“
„Mach ruhig den Anfang“, beharrte sie. „Manche ekelt es ja, abzubeißen, wenn schon ein Anderer gebissen hat. Mir macht es nichts aus.“
„Mir auch nicht“, sagte der Junge.
„Dann beißen wir abwechselnd“, sagte das Mädchen. „So muss keiner dem Anderen zusehen, und es ist gerechter geteilt.“
Und sie bissen abwechselnd von dem hellroten saftigen Fruchtfleisch, dass ihnen der Saft übers Kinn lief und sie sich mit dem Handrücken den Mund abwischen mussten.
Zuerst aßen sie schweigend, dann erzählten sie einander Dinge, und zum ersten Mal wurden sie bei der Rückkehr ins Kinderheim erwischt und gemeinsam bestraft.

Und das könnte sie nun sein, die Geschichte von der Melone. Zwar hätte sie hier und da ihren Reiz, und dennoch wäre es eine etwas enttäuschende Geschichte, denn von der Zauberkraft einer Fee verspricht man sich mehr. Und das zu Recht.

Fortsetzung folgt

Stahl: Watermelon

Stahl: Watermelon

Es war keine Viertelstunde vergangen, nachdem der Händler die Melone in vier Viertel geteilt hatte, als ein Handwerksbursche davor stehenblieb. Er war ein Maurer und auf dem Weg zu der Baustelle, wo die neue Schule entstehen sollte, um sich dem Polier vorzustellen und vielleicht für ein paar Wochen Arbeit zu finden. Er winkte dem Obsthändler und rief: „Was soll das Viertel kosten?“ Und als der Händler den Preis genannt hatte, griff der junge Maurer in seine Hosentasche, holte eine Handvoll Münzen hervor und zählte den Kaufpreis ab. „Pack mir die Melone ein“, sagte er dem Händler. „Ich will sie erst später essen.“ Der Händler wickelte das Viertel dick in Papier, damit es frisch und kühl blieb, und der Handwerker ging damit seines Weges.

Es verging eine Viertelstunde, da kam die Frau des Notars auf den Markt, um Obst und Gemüse zu kaufen. Noch vor Jahresfrist war sie eine stets vergnügte Frau gewesen, die mit ihren beiden Kindern scherzte, wenn sie sie begleiteten, und der Obsthändler mochte sie so gern leiden, dass er ihr nur die beste Ware verkaufte. Doch seit vielen Wochen war sie still und blass. Sie kaufte einen Blumenkohl und ließ sich drei Händevoll Kartoffeln in ein Netz geben. Dann sah sie die Melonenviertel, die hellrot leuchteten, und bat den Händler, ihr eines davon zu geben.
„Der Tag wird heiß“, sagte der Händler. „Ihr Mann und die Kinder werden nicht genug davon bekommen können. Wollen sie nicht lieber eine ganze Melone nehmen. Ich mache Ihnen einen guten Preis.“ Sie aber schüttelte nur still den Kopf und entgegnete: „Mein Mann ist nicht da, und ich esse wenig. Uns wird ein Viertel von dieser Melone genügen. Sie sieht sehr gut aus. Die Kinder werden sich freuen.“
Der Obsthändler dachte sich sein Teil und packte ihr das Viertel, wie gewünscht, ein.

Es verstrich einige Zeit, da kam auf dem Weg zur Kirche ein junger Organist über den Markt. Er durfte nur selten während des Gottesdienstes die Orgel spielen, denn die Gemeinde hatte schon einen Organisten. Aber er hatte sich ausgebeten, an drei Vormittagen in der Woche auf der Orgel üben zu dürfen. Das kleine Honorar, das er für sein Orgelspiel erhielt, reichte ihm kaum zum Leben, aber als er die beiden Melonenviertel in der Morgensonne leuchten sah, da rührte die schöne Farbe etwas in seinem Herzen an, und er konnte nicht widerstehen. So fragte er nach dem Preis, und als der Obsthändler sah, wie er das Geld aus der Börse kratzte, und am Ende doch noch ein paar Groschen fehlten, ließ er ihm das Stück Melone für das Geld, das er hatte.

Der Vormittag ging dahin, und der Händler verkaufte gut und fleißig von allem, was er anzubieten hatte. Nur das letzte Melonenviertel blieb, als scheuten sich die Leute, wie es bei einer Geburtstagsfeier mit dem letzten Stück Torte oft geschieht. Schon machte der Händler sich daran, den Stand wieder einzuräumen, stapelte leere Kisten und warf angewelkte Kohl- und Salatblätter in einen Karton, welchen, wie er wusste, der Karnickelzüchter sich holen würde, da fiel ihm ein Mädchen auf, dass wie andächtig vor dem letzten Melonenviertel stand. Es war ein schmächtiges Mädchen von vielleicht zehn Jahren, im grauen Kleid des städtischen Kinderheims.
Schon hatte der Händler bei sich gedacht: Wenn die Leute so dumm sind, so esse ich das letzte Viertel selbst. Es ist gewiss köstlich. Nun aber wurde sein Herz weich, und er sprach zu dem Mädchen: „Du hast wohl lange keine Melone mehr gegessen.“
Das Kind schüttelte stumm den Kopf. Da griff der Händler abermals zu seinem großen Messer und teilte das Viertel in zwei Achtel, von denen er eines dem Mädchen reichte. „Nimm“, sagte er. „Das ganze Stück ist viel für mich allein, denn meine Frau wartet sicher schon mit einem guten Essen, und an Nachtisch wird es mir nicht fehlen.
Das Gesicht des Mädchens leuchtete auf, wie der Händler es von seinen eigenen Kindern nur am Christabend kannte. Die Kleine machte einen Knicks, bedankte sich und trug das Melonenachtel davon, als halte sie eine Kostbarkeit in den mageren Kinderhänden.
Der Händler aber sah zu, dass er mit dem Abräumen des Standes fertig wurde. Dann wischte er sich die Hände am Kittel ab und erfrischte sich an dem verbliebenen Stück Melone, mit sich und seinem Tagesgeschäft zufrieden.

So war die verzauberte Melone denn in alle Richtungen der Stadt verteilt, und es schien keine Aussicht zu bestehen, dass der Zauber der Fee sich erfüllen und all die Menschen, die von der Melone gegessen hatten, miteinander verbunden bleiben würden.

Fortsetzung folgt

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